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Solingen
Lüders: "Jeder versucht zu raffen, wie er kann"

Solingen. Der Spiegel nannte ihn einen Schwarz-Weiß-Denker - der die Farben allerdings vertausche. Michael Lüders kennt die Vorwürfe: "Man gilt als Aussätziger, als Putin-Freund", sagte er am Montagabend im Restaurant Steinhaus, wo er Inhalte seines jüngsten Sachbuchs vorstellte. Der Band "Die den Sturm ernten - Wie der Westen Syrien ins Chaos stürzte" steht weiter auf der Spiegel-Bestsellerliste (Sachbücher, Paperback). Bei seinem Erscheinen im April führte er sie an. 95.000 Exemplare sind am Markt oder schon verkauft, die fünfte Auflage wird gerade vorbereitet. Von Fred Lothar Melchior

Zusammen mit einer weiteren Zahl Grund genug, dass rund 60 Frauen und Männer der Einladung von Dr. Norbert Zimmermann folgten. Denn mit zirka 1200 Personen stellen Syrer die größte Gruppe unter den 3500 Flüchtlingen in Solingen. Zimmermann, Hausherr der "Kölner Höfe", hat die Vortragsreihe "Patientenakademie" ins Leben gerufen und erstmals um einen politischen Diskurs erweitert. "Die Resonanz war sehr groß", freute sich Zimmermann. Einer Schulklasse musste er aus Platzmangel absagen - im alten Bahnhof fand gleichzeitig ein Konzert von Wolf Codera statt.

Es wären zwei interessante Unterrichtsstunden geworden. Michael Lüders polarisiert. Der Publizist, Nahost-Experte und Präsident der Deutsch-Arabischen Gesellschaft kennt aber durchaus Grautöne. "Ich möchte auch nicht unter Assad leben", betonte der Islam-Wissenschaftler. "In Syrien konnte aber jeder nach seiner Fasson leben. Wir dürfen nicht den Fehler machen, unsere eigene Lebenserfahrung auf andere Länder zu projizieren." Oder, mit einem Marx-Zitat: "Das Sein bestimmt das Bewusstsein."

In der arabisch-islamischen Welt gebe es zwar moderne Lebensformen, hänge aber vieles von Familien-, Clan- und Stammesstrukturen ab. "Jeder, der an der Macht ist, versucht so viel zu raffen, wie er kann", beschrieb der frühere Nahost-Korrespondent die "parasitäre Oberschicht" und "inzestuöse" Gruppierungen. "Man hat wenig Wert darauf gelegt, in Bildung und Infrastruktur zu investieren." Das Geld gehe auf Schweizer Konten.

Zur "Skrupellosigkeit" der Herrschenden komme die Intervention durch die Weltmächte: "Den ersten CIA-Staatsstreich hat es 1949 in Syrien gegeben", kritisierte Lüders die "knallharte Interessenspolitik" der USA, hielt aber auch nichts vom "Wischiwaschi" der EU. "Geopolitik", so der 57-Jährige, "ist meistens ein ziemlich schmutziges Geschäft, das von älteren Herrschaften in Hinterzimmern betrieben wird."

Die Diskussion drehte sich unter anderem um die Rolle Israels und der Türkei und um die allgemeine Frage "Wie geht es weiter ?". "Ich suche das Happy-End", antwortete Lüders, "aber mir fällt gerade nichts ein." Im Prinzip brauche die ganze Region einen Neustart.

Quelle: RP
 
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