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Curt Mertens
"Manche Visionen bleiben Visionen"

Curt Mertens: "Manche Visionen bleiben Visionen"
Geschäftsführer Curt Mertens sieht das Unternehmen Carl Mertens International GmbH zurzeit in einer Phase der Neuerungen. FOTO: Martin Kempner
Solingen. Der Geschäftsführer der Carl Mertens International GmbH spricht über die "teilweise irritierende" Schnelligkeit der Chinesen.

"Ich sage nur China, China, China", soll Bundeskanzler Kiesinger 1969 gesagt haben. "America first", sagt Präsident Trump. Was sagen Sie ?

Mertens Zwei Weltmächte, zwei Konkurrenten. Für uns sind beide Märkte sehr interessant - wobei kleinere Unternehmen oft gar nicht die Möglichkeit haben, überall präsent zu sein. Für uns sind Japan und Korea genauso wichtig. In China sind wir seit dem 2. September 2016 mit einer eigenen Tochter in der 20-Millionen-Einwohner-Stadt Chengdu vertreten. Von dort aus wollen wir Stück für Stück den chinesischen Markt bearbeiten und uns zur Ostküste vorarbeiten. Dort liegt derzeit der tatsächliche Markt für unsere Produkte.

Carl Mertens wurde am 1. Mai 2015 von einem chinesischen Investor übernommen. Wie sind die Erfahrungen nach gut zwei Jahren ?

Mertens Wir sind gerade in einer Phase der Neuerungen. Drei Jahre nach der Übernahme habe ich die Option, wieder als Gesellschafter in das Unternehmen zurückzukehren. 25 Prozent sind mir von Anfang an angeboten worden. Wenn ich wieder Gesellschafter werde, glaube ich, dass wir uns wie zu den guten alten Zeiten auf dem deutschen Markt behaupten können.

Wo liegen momentan die Schwierigkeiten?

Mertens Ein Punkt, der uns etwas Sorge macht, ist das Vorurteil, jetzt kämen alle Mertens-Produkte aus China. Deshalb überlegen wir, 2019 zum 100-jährigen Bestehen des Unternehmens Kunden und Händler zur Krahenhöhe einzuladen. Wir zeigen, dass wir eine Manufaktur sind. Unsere Strategie ist, das "Made in Solingen" weltweit und besonders in China anzubringen. Dazu sind wir auch mit einigen befreundeten Solinger Firmen im Gespräch. Es gibt bereits einen ersten Carl-Mertens-Shop in der Provinz Sichuan, denn die Chinesen sind interessiert, die Originale zu kaufen.

Nicht alle Mertens-Produkte kommen aber aus Ihrer Manufaktur.

Mertens Wir kaufen in der ganzen Welt ein. Hochwertige Bargläser kommen beispielsweise aus den USA. Preissensible Artikel, vor allem im Geschenkbereich, lassen wir nach unseren Vorgaben und den Ideen deutscher Designer in Asien fertigen. Die Carl-Mertens-Messer und die hochwertigen Bestecke stammen aber aus der Klingenstadt. Unser Partner in China hat ein großes Stahlwerk mit mehr als 1000 Mitarbeitern. Er verfolgt ganz andere Ziele, als Produkte aus China in Deutschland zu verkaufen. Das Unternehmen geht im nächsten Jahr an die Börse, und dafür ist eine internationale Verpflichtung notwendig.

Was macht es manchmal schwierig, mit Chinesen zusammenzuarbeiten?

Mertens Es gibt ein Buch "Darum nerven die Chinesen". Das muss man lesen, um sie zu verstehen. Das Zusammenwachsen ist ein spannender, reizvoller Prozess. Stichwort Ungeduld: Wir haben das Know-how und eine oft jahrhundertalte Tradition, die Chinesen bringen ihre Visionen und eine teilweise irritierende Schnelligkeit ein. Manche Visionen bleiben Visionen. Für Investitionen am Standort Solingen muss ich kämpfen. Das Wichtigste im Geschäft ist Vertrauen.

Stichwort Know-how: Die Angst ist oft groß, dass Wissen in die Hände künftiger Konkurrenten gerät.

Mertens Know-how-Transfer wird immer weniger ein Thema. In China ist beispielsweise bei Elektromobilität eher daran gedacht worden, etwas Eigenes zu schaffen. Die Technik ist dort entwickelt worden - sicher auch mit Wissen, dass sich chinesische Studenten an westlichen Universitäten angeeignet haben. Etwas anderes ist die Wettbewerbsverzerrung, wenn der Staat bestimmten Branchen unter die Arme greift. Daran muss man im Rahmen der Globalisierung arbeiten.

Sind Plagiate noch ein Thema ?

Mertens Dass es nach wie vor schwarze Schafe gibt, ist unbestritten. Ich habe noch keine nachgemachten Mertens-Produkte gesehen. Allerdings gibt es - viel mehr als bei uns - Internet-Portale, wo auch Plagiate vertrieben werden. Deshalb ist es wichtig, mit welchen Portalen man zusammenarbeitet. Der chinesische Konsument befriedigt einen Großteil seiner Bedürfnisse über das Handy. Das Kataloggeschäft ist nicht so en vogue wie in Europa.

Wer Plagiate kauft, bekommt oft Artikel mit minderer Qualität. Vor dem Bau der neuen Rheinbrücke bei Leverkusen wird jetzt auch vor schlechtem chinesischem Stahl gewarnt. Was würde Ihr chinesischer Partner dazu sagen ?

Mertens Er würde sagen: Kauft meinen Stahl. Hochlegierte Stähle aus seiner Fertigung wurden unter anderem für Teile deutscher Turbinen in Mosel- und Donaukraftwerken verarbeitet.

Ihre Erfahrungen in China machen Sie zu einem gefragten Gesprächspartner. In der IHK engagieren Sie sich nicht nur als Präsidiumsmitglied, sondern auch als Sprecher des Außenwirtschaftsausschusses. Wie intensiv sind die Kontakte kleinerer bergischer Firmen nach China ?

Mertens Es gibt vielfältige Kontakte. Gerade eben hat mich ein Unternehmer aus Wuppertal angerufen und um ein Treffen gebeten. Aus der Schneidwarenindustrie kenne ich allerdings nur noch Carl Schmidt Sohn als Firma mit chinesischem Inhaber. Man muss auch kritische Punkte zur Sprache bringen, muss die Dinge hinterfragen. Ich kann mir für die Carl Mertens International GmbH auch vorstellen, dass man später einmal wieder getrennte Wege geht.

FRED LOTHAR MELCHIOR FÜHRTE DAS GESPRÄCH

Quelle: RP
 
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