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Solingen
Meditatives Erlebnis von Zeit und Raum

Solingen. Im 4. Philharmonischen Konzert begeisterte besonders ein zeitgenössisches Werk. Von Jan Crummenerl

Nach 40 Minuten zeitgenössischer Musik im Konzertsaal sollte man meinen, dass das Publikum nach den Schlussklängen erleichtert aufseufzt. Das war am vergangenen Dienstag beim 4. Philharmonischen Konzert nicht so: Bravorufe, geradezu begeisterter Jubel, Getrampel und rhythmisches Klatschen waren angesagt.

Was derart begeisterte, war "From me flows what you call time" für fünf Schlagzeuger und Orchester. Der japanische Komponist Toru Takemitsu schrieb dieses Auftragswerk 1990 zum 100. Geburtstag der New Yorker Carnegie Hall. "Es ist kein Stück mit der beeindruckenden Intensität und Lebendigkeit anderer Schlagzeuginstrumente, sondern folgt eher den Regeln eines Gebets", so der Komponist. Melodiös und wie aus weiter Ferne hebt die Solo-Flöte an. Bläser und Harfen gesellen sich dazu.

Überhaupt gelingt es den Bergischen Symphonikern unter Generalmusikdirektor Peter Kuhn ein beeindruckend schwebendes Klangbild zu erzeugen. An fünf Stellen im Publikumsraum stehen die Schlagzeugsolisten des Ensembles Time Percussion Group (Oliver Hudec, Aron Leijendeckers, Heiko Schäfer, Slavik Stakhov und Tomislav Talevski). Während das Orchester ganz leise einen Grundklang hält, schlagen die Solisten ihre Zimbeln und gehen langsam zu ihren Plätzen auf das Podium. Dort sind ebenfalls ihre vielen Instrumente an fünf verschiedenen Orten aufgebaut. So können die Klänge buchstäblich durch den Saal geworfen werden. Das Werk wird so zu einem meditativen Erlebnis von Zeit und Raum.

Von mehreren seitlich unter der Saaldecke angebrachten Windspielen wird dieser Eindruck noch verstärkt. Solisten und Orchester fügen das Werk dicht, fast ätherisch, aber auch frei und locker. Alleine das Solo verschiedener Gongs ist von magischer Wirkung. Dezent treiben die Rhythmen. Auch optisch wird der Raumeindruck dadurch verstärkt, dass die Schlagzeuger verschieden farbige Hemden tragen: fünf Farbtupfer im befrackten Schwarz.

Sanft wie es begonnen hat, entschwebt dieses Raum- und Klangspiel. Wie ein Gebet. Nicht umsonst versinnbildlichen die Farben der Solisten die fünf Elemente, die sich auf der tibetischen Gebetsflagge finden.

Einen größeren Kontrast hierzu als die 6. Symphonie von Karl Amadeus Hartmann lässt sich kaum denken. Hartmann, der während der Nazizeit für die Schublade oder Aufführungen im Ausland schrieb, um einem Berufsverbot zu entgehen, greift in dieser Symphonie von 1953 auf ein Werk aus den 30er Jahren zurück. Harsche Harmonik, sich ballende Klangflächen, Dramatik überhaupt kennzeichnen das Werk. Gekonnt wird das eigenwillige Fagott-Solo, begleitet von der Pauke, in Szene gesetzt. Peter Kuhn und die Bergischen beginnen den gewaltigen Steigerungsanlauf des 1. Satzes. Der Klang verdichtet sich allmählich, die gekonnt genommenen Wechsel der Tempi schaffen zudem Spannungen. Nach dem gewaltigen Ausbruch verebbt der Satz über flirrenden Streichern.

Fanfarenartig mit Blech und Schlagzeug hebt der 2. Satz nahezu brutal an - um dann eine sausende Fuge folgen zu lassen, die erste von dreien, die hier formbildend sind. Einwürfe der großen Schlagzeugbesetzung setzen markante Akzente. Den Musikern gelingt eine spannende Reise in die Avantgardemusik der frühen 50er Jahre.

Ein Wiederhören mit der Pianistin Silke Avenhaus gibt es mit Mozarts 24. Klavierkonzert c-Moll, das wie ein klassischer Puffer zwischen den beiden modernen Werken postiert ist. Formschön gestalten Solistin und Orchester das Werk. Dramatisch die Orchestereinleitung, fast besinnlich der antwortende Klavierpart.

Einen atemberaubenden Wechsel schafft Avenhaus in der Kadenz: mal furios perlend, mal träumerisch. Melodiös verspielt gelingt der langsame Satz. Ernst und Leichtigkeit mischen die Musiker im Finale: Viel Applaus für die Solistin.

Quelle: RP
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