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Solingen
Meilenstein der Eigeninszenierungen

Solingen. Mozarts "Titus": Stehende Ovationen gab es bei der Premiere im Solinger Theater und Konzerthaus. Von Jan Crummenerl

"Ich hatte die Hosen noch nie so voll." Igor Folwill, dem Regisseur von imposanter Statur, ist regelrecht anzusehen, dass ihm ein halber Steinbruch vom Herzen gefallen ist. Aber die stehenden Ovationen und Jubelschreie im Theater geben ihm Recht. Mit der Solinger Eigeninszenierung in Zusammenarbeit mit der Musikhochschule Köln hat er bei der Premiere am Mittwoch von Mozarts Oper "Titus" ins Schwarze getroffen. "Wir nehmen das Publikum sehr ernst, aber man muss es auch fordern."

Das gelingt auf ganzer Linie. Alleine schon die Wahl des "Titus" für die jährliche Eigenproduktion ist ein Risiko. Mozarts letzte und modernste Oper ist ein Fall für sich. Sie erfreut sich nicht einer Beliebtheit wie die "Zauberflöte", "Don Giovanni" oder "Cosi fan tutte". Vordergründig könnte man sie als schleimige Huldigung an Kaiser Leopold II. ansehen, der sie in Auftrag gegeben hat. Und Mozart hat kaum Zeit. In nur 18 Tagen schreibt er die Oper, wobei er seinem Schüler Süßmayr die Komposition der Rezitative überträgt. Von einem Spätwerk wagt man gar nicht zu sprechen bei einem, der als 35-Jähriger gestorben ist. Wäre Mozart 80 geworden, hätte er Beethoven und Schubert überlebt, deren Werke dann wahrscheinlich ganz anders geklungen hätten.

Die Handlung ist eigentlich knapp: Der römische Kaiser Titus ist von Intriganten und Verführten umgeben, die ihn letztlich ermorden wollen. Aber der von Milde beseelte Imperator vergibt am Schluss allen, die ihn verraten haben: "Des Herrschers Lust ist Wohltätigkeit." Tatsächlich verlegt Mozart den Schwerpunkt in die Tiefe der Seele. Der zerrissene Titus ringt zwischen Macht, Rache und Milde: ein Psychogramm. "Die Plastizität der Musik wirkt auf das Unterbewusstsein und zieht einem alles aus den Knochen", so der Regisseur nach der Premiere. Ein Spiel im Spiel findet auf der ganz in Weiß gehaltenen Bühne statt. Die Protagonisten sitzen an fünf beleuchteten Schminktischen wie in der Garderobe, die Bühnenarbeiter bringen während der Aufführung Thron oder Schreibtisch herein. Links steht wie bei einer Probe der Hammerflügel auf der Bühne - mit Hans Suter an den Tasten hat man einen perfekten Kenner und Begleiter ausgewählt. Auf einem Podest spielen die Bergischen Symphoniker hinter den Sängern und gehören somit zum Bühnenbild: Musiktheater im wahrsten Sinne. Hinzu kommt Mozarts knappe, ja auf das Wesentliche reduzierte Tonsprache. Schon in der von Peter Kuhn und seinen Musikern plastisch gestalteten Ouvertüre mit ihrer kurzen, feierlichen Motivik und den elegischen Einwürfen wird Beethoven vorweggenommen. Kammermusikalisch wird der Klangteppich für die ausgezeichnete Sängerriege und den ähnlich in einer antiken Tragödie agierenden Solinger Theaterchor ausgerollt. Mark Adler mit seinem feinen, lyrischen Tenor gibt dem Titus die Gestalt des innerlich Zerrissenen. Mit klarem und kraftvollem Sopran ist Stephanie Elliott die ideale Verkörperung der intriganten, schönen Gegenspielerin. Besonderen Applaus verdient Sissi Qi Wang, die mit ihrer beeindruckenden und voluminösen Stimme den Sesto gab. Mal Freund, mal Verräter des Titus wird dieser fast zur Hauptperson. Denn neben dem Zerrissenen kommt bei ihm noch das Leiden des Verführten hinzu. Rosemarie Weissgerber als fast hilflose Servilia, Vanessa Katz (Annio) als agiler, aufmerksamer Beobachter des Geschehens und der eindringlich wendige Bass von Lucas Singer als Präfekt ergänzen das klangschöne und wirksam spielende Ensemble.

Als Solistin kommt mit Klarinette und Bassett-Horn Symphonikermitglied Marlies Klumpenaar auf die Bühne. Als virtuose innere Stimme ist sie so sichtbarer Begleiter des Arienpartners. Mozarts "Titus" bleibt schwierig, bei den Solinger Eigeninszenierungen aber wird er zu einem Meilenstein.

Quelle: RP
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