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Solingen
Misshandlungen in allen sozialen Schichten

Solingen. Bei der Zahl der Kindeswohlgefährdungen liegt Solingen im NRW-Vergleich weiter im unteren Bereich. Dennoch stiegen die Fallzahlen zuletzt. Es gibt vielfältige Hilfen. Experten raten, bei Verdacht auf jeden Fall das Jugendamt einzuschalten. Von Martin Oberpriller

Gewalt gegen Kinder bleibt auch in Solingen ein Problem. Denn nachdem die Zahl der akuten Kindeswohlgefährdungen in der Klingenstadt in den zurückliegenden Jahren eher rückläufig gewesen ist, haben die Experten im Jahr 2016 erstmals wieder einen Anstieg der Fälle registrieren müssen. So schnellten die Fallzahlen zuletzt binnen Jahresfrist von 13 Verfahren (2015) auf nunmehr 24 akute Kindeswohlgefährdungen nach oben, was einem Anstieg um rund 80 Prozent entspricht.

Eine entsprechende Statistik wurde jetzt vom Landesamt für Statistik in Düsseldorf veröffentlicht. Demnach wurden die Behörden im vergangenen Jahr insgesamt 334 Mal über vermeintliche beziehungsweise tatsächliche Gefährdungen von Minderjährigen in Kenntnis gesetzt - wobei in der Mehrheit der Fälle später Entwarnung gegeben werden konnte. So ergaben die im Anschluss eingeleiteten Verfahren zur Einschätzung der Gefährdung des Kindeswohls, dass allein bei 42 Verdachtsfällen Handlungsbedarf bestand.

Damit liegt Solingen ungefähr im Landesschnitt, indes die Gesamtzahlen in Relation zur Bevölkerung sogar eher unterdurchschnittlich ausfallen. Zum Vergleich: In der erheblich kleineren Nachbarstadt Remscheid registrierte das dortige Jugendamt in der Summe 59 Kinder und Jugendliche, deren Wohlergehen latent oder eben akut gefährdet war.

Gleichwohl bedeutet dies nicht, dass Fachleute Entwarnung geben wollen. Misshandlungen oder Vernachlässigungen sind nämlich keineswegs ein Problem, dass auf eine soziale Gruppe beschränkt bleibt. "Kindeswohlgefährdungen kommen in allen gesellschaftlichen Schichten vor", betonte jetzt noch einmal die Vorsitzende des Deutschen Kinderschutzbundes für Solingen, Ruth Karschewsky-Klingenberg, im Gespräch mit unserer Redaktion.

Um Fehlentwicklungen in Familien möglichst früh zu erkennen und ihnen wirksam entgegenzuwirken, existiert in Solingen ein engmaschiges Netz an Anlaufstellen. Dort gibt es Hilfsangebote, die dafür sorgen sollen, dass Schlimmeres verhindert wird.

Dabei raten Experten stets dazu, lieber einmal zu viel als einmal zu wenig Alarm zu schlagen. "Das ist ganz wichtig", betonte Kinderschutzbund-Vorsitzende Karschewsky-Klingenberg, die davon ausgeht, dass der zuletzt feststellbare Anstieg der Zahlen unter anderem auf ein verändertes Bewusstsein zurückzuführen ist.

Tatsächlich reagieren Lehrer und Erzieher in Kindertagesstätten, aber auch Verwandte und Nachbarn heute weit früher als noch vor einigen Jahren. Wobei die Bandbreite der Misshandlungen groß ist. So geht es längst nicht ausschließlich um körperliche Angriffe gegen Kinder und Jugendliche. Vielmehr leiden viele Minderjährige genauso unter seelischen Grausamkeiten durch Erwachsene, die ebenfalls schlimme Folgen für die Betroffenen nach sich ziehen können.

Wobei oftmals schon kleine Maßnahmen Wirkung zeigen. Denn obwohl die meisten Verfahren damit enden, dass keine Kindeswohlgefährdung festgestellt wird, bleibt eine Grauzone. Beispielsweise kamen die zuständigen Stellen im zurückliegenden Jahr 147 Mal zu dem Schluss, dass zwar keine Kindeswohlgefährdung vorliegt, allerdings sehr wohl ein Hilfsbedarf innerhalb der Familien besteht. Zum Vergleich: 2013 hatte diese Zahl noch bei 100 Fällen gelegen.

Quelle: RP
 
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