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Solingen
Mit dem Blick für das Wesentliche

Solingen: Mit dem Blick für das Wesentliche
Gerd Jaklic stellt ab morgen in der Galerie der Solinger Künstler in den Güterhallen aus. FOTO: martin Kempner
Solingen. In Zeichnungen, Malerei und Radierungen fängt der geistig behinderte Künstler Gerd Jaklic seine Eindrücke ein. Von Jan Crummenerl

Ein Bleistift, gelenkt von flinken Fingern, fliegt über das Zeichenpapier. In Windeseile entsteht eine Figur, die mit einem Smartphone fotografiert. Auf dem Display ist ein Mann mit Schlüsselbund zu sehen, der ein Kind im Arm hält. Der Schlüsselbund ist das Markenzeichen von Gerd Jaklic. Er trägt ihn stets bei sich. Und auf seinen Zeichnungen und Bilder erkennt man daran sofort, wenn er sich selbst ins Bild einfügt.

Von Kindesbeinen an zeichnet der heute 57-Jährige, arbeitet bei der Langenfelder Künstlerin Helga Pollok in deren Atelier und nimmt bei ihr Unterricht. Motive von ihm sind als Weihnachtspostkarten erschienen. Seine mittlerweile fünfte Einzelausstellung wird am 29. Mai in der Galerie SK in den Güterhallen eröffnet. Der Titel der Schau "Momente - Bilder, die erzählen" hat dabei eine ganz besondere Bedeutung. Gerd Jaklic ist geistig behindert und kann nicht sprechen. "Nur wenige verstehen, wenn er sich artikuliert", sagt Ela Schneider, die ihn vom Landschaftsverband Rheinland (LVR) aus in seiner Wohngemeinschaft in Langenfeld betreut.

Auch künstlerisch: Schneider ist Mitglied des Vereins Solinger Künstler. So war der Weg in die Galerie SK nicht weit. "Seine Bilder und Zeichnungen sind seine Art zu kommunizieren", erläutert Gisela Zipse, LVR-Leiterin des Betreuten Wohnens im Kreis Mettmann, seine Arbeiten. Gerd Jaklic hat sein Leben lang in Einrichtungen gelebt hat und ist bei der Lebenshilfe in Wermelskirchen beschäftigt. "Auf diese Art teilt er mit, was er erlebt hat, egal ob Besonderes oder Alltägliches." Mit wenigen bunten Strichen hingeworfen, wird selbst die neue Elektro-Zahnbürste zu einem witzigen Hingucker. Ela Schneider: "Wenn Gerd mit einer Zeichnung fertig ist, interessiert sie ihn gar nicht mehr. Dann macht er mit einer anderen weiter."

Tausende von Arbeiten entstehen so jedes Jahr, die Gerd Jaklic meistens gleich verschenkt. "Da haben wir richtig Mühe, einige für Ausstellungen zurückzuhalten", amüsiert sich Schneider. Durch dieses jahrzehntelange Arbeiten, das nun auch schon lange von Künstlern gefördert wird, hat Jaklic den Blick für das Wesentliche. Die wenigen Striche verraten in einer Radierung sofort das markant Dargestellte: "Förderturm" der Zeche Zollverein in Essen. Oder die Radierung "Tonhallenkonzert", die kurz und knapp den Kontrabassisten mit seinem Instrument zeigt.

Dabei bedient sich Jaklic einer besonderen Technik. Statt in Metall ritzt er seine Zeichnungen auf die Innenseite von aufgeschnittenen Tetrapacks. Mit Ölfarbe - etwa in Sepia - eingerieben, bekommen die Drucke noch eine ganz andere Note: Die so mitabgedruckten Falten der Verpackung werden in die Arbeit einbezogen und gliedern sie. So entsteht fast Räumlichkeit, etwa in dem Druck "Ventile", gleichfalls ein bildlich umgesetzter Eindruck von einem Ausflug zur Zeche Zollverein. Schneider: "Seine Zeichnungen lässt sich Gerd immer beschriften, damit jeder weiß, was er sagen will." Und das sind die Eindrücke, die er einfängt: Momente eben.

Quelle: RP
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