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Heimat erleben
Mit dem Stangentaxi auf Rittertour

So sieht der Obus von innen aus
So sieht der Obus von innen aus FOTO: Guido Radtke
Solingen. Die "59" ist das Herzstück des Obus-Museums Solingen. Jeden zweiten Sonntag im Monat dreht der Oldtimer in der Klingenstadt seine Runden. Von Guido Radtke

"Die Fahrscheine, bitte." Wenn heute ein Fahrgast diesen nicht vorzeigt und stattdessen eine der hinteren Türen eines Linienbusses nutzt, erhält er in der Regel vom Fahrer einen Rüffel. So ändern sich die Zeiten. Vor ein paar Jahrzehnten, als die Obusse in Solingen neben dem Mann am Steuer zusätzlich von Schaffnern begleitet wurden, galt ausdrücklich die Regel: "Bitte hinten einsteigen". Das gelbe Schild auf einer der Seitenscheiben des Obusses 59 weist immer noch stilecht darauf hin.

Wenn das 57 Jahre alte Stangentaxi auf seiner monatlichen "Rittertour" in der Klingenstadt unterwegs ist, ist der Platz des Schaffners wie damals besetzt. Fahrkarten werden hier nicht ausgegeben, denn die Mitfahrt ist offiziell kostenlos. Stattdessen sitzt hier ein Mitglied des Obus-Museums Solingen, das über Mikrofon allerlei Wissenswertes über den Oldtimer-Bus und den Verein oder Geschichten über Sehenswürdigkeiten entlang der Route erzählt. "Früher musste der Schaffner auch schon mal dem Fahrer beim Lenken zur Hand gehen", weiß Peter Hoffmann, der Vorsitzende des 1999 gegründeten Vereins. "Eine Stelle, an der das immer wieder passiert ist, war die enge Kurve im ehemaligen Ohligser Tunnel." Eine Servolenkung gehörte halt noch nie zur Ausstattung des beigefarbenen Gefährtes des Fabrikats Uerdingen / Henschel.

# Die Vorstandsmitglieder Martin Schreiber, Peter Hoffmann und Lutz Lüpkes (v.l.) basteln jeden Samstag an den Bussen. FOTO: Köhlen, Stephan (TEPH)

Im Berufsverkehr war es keine Seltenheit, dass der Obus 59 mit der zulässigen Zahl von 103 Personen besetzt war. Bis in die hohen Stufen der Eingangstüren wurde dann gestanden. Wenn das elf Meter lange Fahrzeug zwischen April und Oktober an jedem Sonntag von Ohligs über Wald, Innenstadt und Merscheid bis nach Burg unterwegs ist, dürfen aus Sicherheitsgründen höchstens 28 Fahrgäste bei der Reise in die ÖPNV-Vergangenheit dabei sein. Mehr Sitzplätze stehen nicht zur Verfügung. "Wer mitfahren möchte, darf nicht enttäuscht sein, wenn der Bus voll ist und kein Zustieg mehr möglich ist", sagt Peter Hoffmann. Das aber passiere zum Glück nur selten.

Noch in diesem Jahr könnte im Übrigen die Kapazität aufgestockt werden. Auf dem Betriebshof der Verkehrsbetriebe der Stadtwerke Solingen, wo der Obus-Verein ansässig ist, steht ein Personenanhänger "Orion WH112" bereit, um künftig an den Obus 59 angekoppelt zu werden. "Alle sind heiß darauf, ihn im Straßenverkehr zu sehen." Peter Hoffmann sowie das Mechaniker-Team um Martin Schreiber, Bruno Missaglia, Klaus Reinerts, Daniel Kistner und Lutz Lüpkes haben rund fünf Jahre lang an dem alten Schätzchen gebastelt, geschweißt und geschraubt, um es auf Vordermann zu bringen. Nur die bereits lackierten Türen müssen jetzt noch eingesetzt werden, bevor der Anhänger mit Baujahr 1956 vom TÜV abgenommen werden kann. "Dafür fehlen nur die Fußleisten." Die notwendige Anhängerkupplung am Triebfahrzeug ist hingegen schon installiert.

Es ist wie mit allen Ersatzteilen für die sieben Fahrzeuge im Fuhrpark des Solinger Obus-Museums: Sie sind nur schwer oder gar nicht mehr zu bekommen. "Wenn neue Technik eingebaut werden muss, achten wir darauf, dass man sie nicht auf den ersten Blick sieht", sagt Peter Hoffmann. Mit viel Liebe zum Detail werden die Stangentaxis restauriert oder in Schuss gehalten, von denen neben dem Obus 59 derzeit nur noch das MAN-Modell 42 zugelassen ist. Das 30 Jahre alte Gefährt ist im Übrigen von den SWS-Verkehrsbetrieben angemietet und wird jeden Morgen eine Stunde lang im Schüler- und Berufsverkehr eingesetzt.

Quelle: RP
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