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Dr. Rolf Jessewitsch
Museum verknüpft gestern und heute

Dr. Rolf Jessewitsch: Museum verknüpft gestern und heute
Für Besucher ist die Ausstellung im Kunstmuseum ab Mittwoch geöffnet. FOTO: Martin Kempner
Solingen. Das Zentrum für verfolgte Künste im Kunstmuseum Solingen sucht bundesweit seinesgleichen, betont dessen Direktor.

Worin hebt sich das Zentrum für verfolgte Künste von den Ausstellungen anderer Häuser ab, die ebenfalls Werke verfemter Künstler zeigen?

Jessewitsch Wir lassen das kreative Schaffen vieler Künstler aus der Zeit zwischen 1914 und 1989 wiederaufleben. Das beinhaltet bildende Kunst, Literatur und Musik. All das stellen wir in den Zusammenhang der Bedingungen, unter denen die Werke entstanden sind. Der Wissenschaftsrat des Deutschen Bundestages hat uns bereits 2011 bescheinigt, dass wir das einzige Museum in Deutschland sind, das das in dieser Form leistet, ständig leistet. In anderen Museen gibt es da manchmal temporäre Wechselausstellungen - übrigens in den letzten Jahren oft mit unserer Beteiligung.

Ein häufiger Einwand ist, viele Künstler kenne man gar nicht.

Jessewitsch Das ist so, weil man in der Nazizeit ihre Bilder aus den Museen geholt hat. 1955 wurden in der ersten documenta in Kassel eine Handvoll Künstler rehabilitiert - die Väter der Moderne - aber nicht alle rund 700 Betroffenen, von denen 21.900 Bilder aus deutschen Museen herausgeholt worden waren. Diese Künstler wieder ins öffentliche Bewusstsein zurückzuholen, das ist unsere Aufgabe.

Hajo Jahn von der Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft mahnte an, das Zentrum müsse nach außen wirken und Begriffe von heute nehmen.

Jessewitsch Uns war es stets wichtig, das Gestern und Heute miteinander zu verknüpfen. Die Entwicklung des lebendigen Zentrums war bereits auf dem Weg, als im Jahr 2008 die Literatursammlung Jürgen Serke Teil der Ausstellung wurde.

Sind Ausstellungen geplant, die sich auch mit verfolgten Künstlern jenseits der NS- und DDR-Diktatur befassen?

Jessewitsch Ja. Für das Jahr 2017 planen wir zum Beispiel gemeinsam mit dem LVR-Industriemuseum eine Ausstellung über die verfolgte aktuelle Kunstszene in der Türkei.

Mitunter kommt es ja in der Wissenschaft zur Neubewertung der Rolle von Künstlern während einer Diktatur. Wie geht das Zentrum für verfolgte Künste damit um?

Jessewitsch In diesen historischen Bewertungen gibt es fast täglich Änderungen. Bei den Künstlern in unserem Sammlungsbestand ist die Bandbreite sehr groß: Manche wurden wankelmütig und haben sich letztlich dem Regime gebeugt, andere wiederum wurden von Anfang an massiv verfolgt. Es ist unsere Aufgabe, uns mit jeder einzelnen Biographie sehr genau auseinanderzusetzen.

Welche Auswirkungen hat die Schaffung des Zentrums auf die junge Kunst, die auch stets ein wichtiger Teil des Kunstmuseums war?

Jessewitsch In den Zentrumsverträgen ist festgehalten, dass das Zentrum zwei Drittel des Hauses bespielt. Darüber hinaus gibt es keine Auswirkung auf diesen Bereich - auch nicht auf die Internationale Bergische Kunstausstellung, die wir zeigen.

Wie ist die Einrichtung im Hinblick auf eine Online-Präsenz aufgestellt?

Jessewitsch Zusätzlich zum Internetauftritt des Kunstmuseums Solingen (www.kunstmuseum-solingen.de) entsteht auch eine eigene Web-Präsenz, in dem sich das Zentrum für verfolgte Künste vorstellt. Sie wird diese Woche freigeschaltet.

Nun steht die Eröffnung unmittelbar bevor. Gab es einen Zeitpunkt, an dem sie daran zweifelten, dass es überhaupt dazu kommen würde?

Jessewitsch Dass es zustande kommen würde, habe ich nie bezweifelt. Ich war mir nur nicht sicher, ob es wirklich in Solingen sein würde. Denn da waren ja Alternativen im Gespräch.

ALEXANDER RIEDEL FÜHRTE DAS GESPRÄCH MIT DR. ROLF JESSEWITSCH.

Quelle: RP
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