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Oberbürgermeister Tim Kurzbach
Nachhaltige Gewerbegebiete entwickeln

Oberbürgermeister Tim Kurzbach: Nachhaltige Gewerbegebiete entwickeln
FOTO: Kempner, Martin (mak)
Solingen. Die Wirtschaftsförderung hat aktuell 356.000 Quadratmeter verwertbare Gewerbeflächen in ihrem Besitz.

Wie groß ist das Interesse ausländischer Investoren an Solingen? Wer will sich ansiedeln?

Kurzbach Das Interesse ausländischer Investoren an Solingen ist beachtlich. Das zeigen auch die überörtlichen Anfragen durch NRW-Invest. Viele Anfragen kommen auch von Firmen mit Sitz in China, Indien, USA, Türkei und Osteuropa. Was die Branchen angeht, müssen wir Cluster bilden und genau überlegen, welche Ansiedlung an welcher Stelle den Standort insgesamt nach vorn bringt. Denn gerade in der Logistikbranche, aus der viele Anfragen kommen, ist es so, dass sie große Flächen benötigt, im Verhältnis aber nur wenige Arbeitsplätze schafft. Das ist bei Produktionsbetrieben anders. Wir wollen Arbeitsplätze für die Menschen in unserer Stadt und wir wollen junge Familien ansiedeln, die hier ein gutes Auskommen finden. Dafür ist die Zahl und die Qualität von Arbeitsplätzen von zentraler Bedeutung.

Muss die Wirtschaftsförderung neu aufgestellt werden, um Solinger Firmen in Solingen zu halten und neue zu gewinnen? Wie eng ist die Zusammenarbeit der bergischen Wirtschaftsförderer? Und die mit Düsseldorf?

Kurzbach Die Wirtschaftsförderung wird erneuert und verändert sich. Dafür gibt es gute Ansatzpunkte, etwa bei der Digitalisierung und Internationalisierung. Die konkrete Umsetzung wird bereits auf meinen Vorschlag hin im Aufsichtsrat beraten. Aber grundsätzlich wird hier gute Arbeit geleistet. Dass Credo und Kronenberg die Stadt verlassen haben, lag ganz sicher nicht an unzureichenden Angeboten, sondern hatte unternehmerische Gründe, auf die wir als Kommune eben nur schwer Einfluss nehmen können. Vieles andere steht sehr wohl in unserer Macht. Deshalb haben wir den engen Schulterschluss mit Wuppertal und Remscheid gesucht, um Firmen im Bergischen Städtedreieck zu halten und neue hierher zu holen. Priorität hat auch unsere Nähe zur Rheinschiene. Wir sind Mitglied der Metropolregion und pflegen Kontakt mit der Wirtschaftsförderung der Landeshauptstadt und anderen Beteiligten. Auf meiner Agenda stehen darüber hinaus auch Gespräche mit den Bürgermeistern unserer Nachbarstädte Haan, Hilden, Leichlingen und Langenfeld. Solche Kontakte sind wichtig, weil daraus Vertrauen erwächst und sich immer wieder Anknüpfungspunkte für konkrete Kooperation ergeben.

Welche Flächen stehen für ansiedlungs- oder verlagerungswillige Unternehmen zur Verfügung? Welcher Prozentanteil davon gehört der Stadt? Für wie viele Jahre könnte dieser Vorrat reichen?

Kurzbach Solingen kann mit Gewerbeflächen aufwarten, die es möglich machen, schon jetzt jede Anfrage mit einem Angebot zu beantworten. Konkret heißt das: Die Wirtschaftsförderung hat mit Stichtag 31.12.2015 insgesamt 356.000 qm verwertbare Gewerbeflächen in ihrem Besitz. Davon sind etwa 130.000 qm baurechtlich erschlossen und deshalb sofort vermarktbar. Weitere 226.000 qm befinden sich in Entwicklung und werden in den nächsten zwei bis fünf Jahren so weit sein. Das schließt dann die Gebiete Stoecken17 (ehemaliges Rasspe-Gelände), Hansastraße, Monhofer Straße, Schrodtberg, Fürkeltrath 2 und Piepersberg-West voll mit ein. Pro Jahr vermarktet die Wirtschaftsförderung durchschnittlich rund drei Hektar Fläche (30.000 qm). Legt man diese Zahlen zugrunde, haben wir noch einen passablen Vorrat für die kommenden Jahre. Das lässt sich aber nicht vollständig in Zahlen fassen. Aus meiner Sicht müssen neue Gewerbeflächen Ökonomie und Ökologie verträglich miteinander verbinden. Deshalb haben wir doch Buschfeld aus der Liste möglicher Gewerbegebiete gestrichen, entwickeln dafür aber das Rasspe-Gelände, das schon seit vielen Jahrzehnten industriell genutzt wird. Leben und Arbeiten, Wachstum und Nachhaltigkeit in einer guten Balance.

Wann fällt die endgültige Entscheidung, welche neuen Gewerbegebiete am Ittertal kommen?

Kurzbach Ein neues Gewerbegebiet wäre nur Buschfeld gewesen, und das haben wir aus ökologischen Bedenken gestrichen. Alle anderen sind im Flächennutzungsplan bereits als Gewerbegebiete ausgewiesen. Dabei haben wir unsere Planungen für Fürkeltrath II deutlich verkleinert. Gerade dieses Gebiet wollen wir zum ersten nachhaltigen Gewerbegebiet Solingens entwickeln. Ich setze darauf, dass die politischen Entscheidungsträgerinnen und Entscheider sich der Empfehlung des Gutachtens anschließen, damit es so bald wie möglich losgehen kann.

Ist Piepersberg-West, wo sich eigentlich Firmen ansiedeln sollten, wirklich der beste Standort für eine neue BHC-Halle? Gehört sie nicht in die Nähe eines Schulzentrums und des öffentlichen Nahverkehrs, damit sie vernünftig ausgelastet werden kann?

Kurzbach Die möglichen Betreiber und alle Beteiligten haben sechs Standorte im Städtedreieck geprüft und sind zu dem Ergebnis gekommen: Piepersberg-West ist am besten geeignet. Das kann man kaum von der Hand weisen. Die Arena stünde zudem ja nicht allein, sondern wäre eingebettet in einen Gewerbepark, in unmittelbarer Nähe weiterer Gewerbeflächen mit zahlreichen Arbeitsplätzen. Warum sollte nicht das Sportlabel eines Bundesligisten einen Werbefaktor für benachbarte Firmen darstellen? Mit Ausstrahlung auf die gesamte Stadt.

Verwaltung und Politiker haben zugelassen, dass ehemalige Industrieflächen heute von Discountern oder für Wohnzwecke genutzt werden. Hält man deshalb, quasi aus schlechtem Gewissen, am Kieserling-/Omega-Gelände als Gewerbefläche fest? Bietet sich das innenstadtnahe und autobahnferne Gelände mit S-Bahn-Anschluss nicht als neues innovatives Wohnviertel an?

Kurzbach Discounter haben sich in der Vergangenheit gegen den Willen von Verwaltung und Politik mit juristischen Mitteln durchgesetzt. Hier müssen wir uns künftig besser vorbereiten. Wir hätten an mehreren Standorten, zum Beispiel am Scheidter Feld oder an der Beethovenstraße, einer gewerblichen Nutzung klar den Vorzug gegeben. Das gilt ebenso für das Omega/Kieserling-Gelände. Wir haben uns für einen fachlich geführten Untersuchungsprozess, einen Ideenwettbewerb, entschieden. Mit dem Ziel, herauszuarbeiten, welches Nutzungskonzept an diesem Standort am sinnvollsten zu verwirklichen ist.

Welche Entwicklung kann sich der Oberbürgermeister für das Grossmann-Areal vorstellen? Und wie schnell kann die Rasspe-Fläche genutzt werden?

Kurzbach Zunächst einmal bedauere ich es sehr, dass die älteste und traditionsreichste Gießerei unserer Stadt aufgeben musste. Ich habe mich bis zuletzt gemeinsam mit dem Insolvenzverwalter und der Gewerkschaft für den Erhalt der Arbeitsplätze eingesetzt und werde das auch noch weiter tun. Vielleicht findet sich ja doch noch ein Investor, der das Unternehmen weiter betreibt. Es wäre allerdings fahrlässig, sich nicht vorzubereiten. Wir werden also in Absprache unmittelbar mit der Bezirksregierung über eine weitere Nutzung des Areals nachdenken. Grundsätzlich streben wir natürlich an, das Gelände weiter für eine industrielle gewerbliche Nutzung vorzuhalten. Bei Rasspe gehen wir davon aus, dass die Vermarktung 2018 mit Volldampf beginnen kann.

Wenn Neuansiedlungen fremder Firmen ausbleiben: Wie muss sich das Gründer- und Technologiezentrum aufstellen, um mehr Nachwuchs zu fördern? Bisher gibt es mit codecentric nur eine große Erfolgsgeschichte.

Kurzbach Um neue Firmen zu gewinnen, müssen wir uns zunehmend regional wie auch international umschauen. Damit haben wir ja bereits begonnen. Ziel ist hier nachhaltiges Wachstum, gerne auch zu Beginn mit kleineren Einheiten, auf deren Wachsen und Gedeihen wir dann setzen. International sind unsere Zielländer insbesondere China, Türkei und der Oman, aber auch Israel und osteuropäische Länder. Die Internationalisierungsstrategie im Gründer- und Technologiezentrum ist darauf ausgelegt, Neuansiedlungen ausländischer Firmen in Solingen "von klein auf" bei ihrem Wachstum zu begleiten. Die erst vor einigen Wochen eingerichteten Coworkit Arbeitsplätze sind schon jetzt fast voll ausgelastet. Sie stehen Start-Up-Unternehmen zur Verfügung, die nach einem flexiblen Raum- und Zeit-Modell arbeiten.

Also lieber viele kleinere Neugründungen?

Kurzbach Es ist nachgewiesen, dass kleine Neugründungen nachhaltiger sind als einmalige Ansiedlungen größerer Unternehmen. Auch, weil diese aufgrund von Kriterien, auf die man fast keinen Einfluss nehmen kann, ihre Standorte oft nach wenigen Jahren wieder verlassen. Wir müssen alles tun, um Unternehmen, die in der Tradition unserer Stadt wurzeln, hier zu halten, auch dann, wenn sie inzwischen Töchter internationaler Unternehmen sind. Das habe ich kürzlich in einem Brief an die Eigentümer der Firma Wilkinson noch einmal betont. Erfolgsgeschichten von Neugründungen in der Größenordnung von codecentric ereignen sich nicht jeden Tag. Aber es gibt sehr wohl in den letzten Jahrzehnten zahlreiche Gründungen mit heute 5 bis 25 Mitarbeitern. Auch das sind nachhaltige Erfolgsgeschichten, die unsere Stadt prägen und bereichern.

DAS GESPRÄCH FÜHRTE FRED LOTHAR MELCHIOR.

Quelle: RP
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