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Spur führt nach Solingen
Sieben Antworten zum Nazi-Fund in Argentinien

Nazi-Fund in Buenos Aires: Spur führt nach Solingen
Solingen. Die Welt rätselt über die Herkunft der in Argentinien gefundenen Nazi-Relikte. Theorien gibt es viele. Eine Lupe aus der Sammlung soll Adolf Hitler selbst gehört haben. Kann das sein?

Über den historischen Wert der Lupe Adolf Hitlers lässt sich streiten. Die argentinische Zeitung "Clarin" verbreitet dieser Tage immer wieder ein Foto, das Hitler mit großer Lupe beim Betrachten eines Bildes auf dem Berghof am Obersalzberg zeigt. Man ist sich sicher: die Lupe ist nun in Buenos Aires bei einem Antiquitätensammler aufgetaucht. Genauso wie ein Gerät zum Messen von Kopfgrößen, das KZ-Arzt Josef Mengele zugeschrieben wird.

Wie ist es zu der Entdeckung gekommen?

Eigentlich war die Polizei einem Schmuggel und illegalen Handel mit chinesischen Kunstobjekten und Mumien auf der Spur. Per WhatsApp nahm ein Polizist - als Kaufinteressent getarnt - Kontakt zu dem 55 Jahre alten Sammler in Beccar, einem Vorort von Buenos Aires, auf. Bereits am 9. Juni schaute die Polizei dann bei ihm vorbei - und stieß zufällig in einem Nebenzimmer auf die ominöse Sammlung mit 75 Relikten aus der Zeit des Nationalsozialismus. Er hat die Exponate bei einem Argentinier seit 25 Jahren gekauft, um sie zu sammeln.

Handelt es sich um einen Sensationsfund?

Eher nicht. Auch wenn die zuständige Ministerin Patricia Bullrich betont: "Unsere ersten Untersuchungen deuten darauf hin, dass es Originalteile sind, die Nazis von hohem Rang gehörten. Es gibt auch Fotos von Hitler mit den Objekten." Es ist aber ein Sammelsurium. Daher kann es auch sein, dass die Dinge von unterschiedlichen Leuten stammen. Neben der Spur "migrierte Nazis" könnte eine Spur auch zu Deutschstämmigen führen, die schon vor 1945 in Argentinien lebten - viele ließen sich immer wieder Devotionalien aus der Heimat schicken.

Hitler-Büste und Messer: Nazi-Objekte in Buenos Aires gefunden FOTO: rtr, CDG/dh

Was umfasst die Sammlung?

Büsten Hitlers, Degen, Fern- und eben Vergrößerungsgläser. Interessant ist die Herkunft. Ein Reichsadler mit Hakenkreuz trägt den Firmenstempel des Solinger Unternehmens Carl Eickhorn, das Messer herstellte. Der heutige Betriebsleiter schließt Sonderanfertigungen für NS-Größen nicht aus. Die Schachtel mit dem Gerät zum Messen von Kopfgrößen ziert die Aufschrift "Amt für Rassenpolitik". Ferner gibt es einen Hinweis auf den Architekten Wilhelm Kreis, der mit Albert Speer bei der Planungen der Hauptstadt "Germania" zusammenarbeitete. Eine Skulptur zeigt eine Sphinx-Statue, die Inschrift am Sockel lautet: "Wilhelm Kreis - Architekt und Professor. Siegerentwurf für den Bau des neuen Ägyptisches (sic!) Museum und Papyrussammlung."

Wie plausibel ist die "NS-Größen"-Theorie?

Mäßig. Ein weltweit von den Alliierten gesuchter Josef Mengele oder ein Adolf Eichmann hatten andere Sorgen, als große Führer-Büsten und Reichsadler mit an Bord eines Fluchtschiffes zu schleppen. Man war darauf bedacht, die eigene Identität zu verschleiern. Da wäre solches Gepäck eher kontraproduktiv gewesen. Mengele starb 1979 in Brasilien, der vom Mossad entführte Eichmann wurde in Israel 1962 erhängt.

Aber flohen nicht tausende Kriegsverbrecher nach Südamerika?

Nein. US-Medien sprachen lange von bis zu 60.000. Aber es fängt schon bei der Unterscheidung zwischen einem Kriegsverbrecher und einem überzeugten Nationalsozialisten an, der nach dem Untergang der Heimat lieber den Rücken kehren wollte. Der Kölner Historiker Holger Meding, der renommierteste Fachmann auf diesem Gebiet, schätzt die Zahl der wirklichen Kriegsverbrecher, die hierhin flüchteten, auf rund 50.

Ist das Thema restlos erforscht?

Vor allem die Rolle der Organisation Gehlen, des Vorläufers des Bundesnachrichtendienstes, bei der Flucht einiger NS-Größen liegt noch im Dunkeln, auch die BND-Rolle bei Fällen wie Adolf Eichmann wirft viele Fragen auf. Aber: "Das Wort vom großen Nazi-Exodus über den Atlantik ist wohl eine Nummer zu groß", bilanziert der ehemalige Diplomat und Historiker, Heinz Schneppen in einem Fachartikel. Auch verweist er Befunde, dass Präsident Juan Domingo Perón damals in direkter Komplizenschaft mit den Kriegsverbrechern die größte Fluchtoperation der Geschichte aufgebaut und es die sagenumwobene Organisation "Odessa" ehemaliger SS-Angehöriger gegeben habe, in das Reich der Fabel. Die historischen Fakten zerstören manchmal den schönsten Mythos.

Was ist der größte Hitler-Mythos?

Hartnäckig hält sich die Theorie, dass Hitler mit Eva Braun noch Jahrzehnte in Patagonien gelebt hat - bis heute gibt es Führungen zu dem "Hitler"-Landgut in Villa La Angostura, das er sich zu seinem südamerikanischen "Berghof" auserkoren habe. Über sein Leben in Südamerika und die Flucht per U-Boot wurden Bestseller geschrieben.

(sef/dpa)
 
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