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Martin Klebe
Neue Berufe auf Messe kennenlernen

Martin Klebe: Neue Berufe auf Messe kennenlernen
Martin Klebe, Chef der Arbeitsagentur Solingen-Wuppertal. FOTO: jumo (archiv)
Solingen. Der Chef der Arbeitsagentur Solingen-Wuppertal sieht für Jugendliche noch Chancen auf dem Ausbildungsstellenmarkt.

In wenigen Tagen neigt sich das Ausbildungsstellenjahr 2015/16 dem Ende zu, am 1. Oktober beginnt bereits das neue. Konnten alle angebotenen Ausbildungsstellen besetzt werden?

Klebe Nein, leider passen die Wünsche der Jugendlichen nicht in allen Fällen mit den Angeboten der Unternehmen überein. So können in jedem Jahr nicht alle, aber etwa neun von zehn angebotenen Ausbildungsstellen besetzt werden.

Wie viele Bewerber haben trotz intensiver Bemühungen in Solingen keinen Ausbildungsplatz gefunden?

Klebe Die aktuellen Zahlen liegen dazu noch nicht vor, doch erfahrungsgemäß kann ich sagen, dass von den bei uns in der Berufsberatung gemeldeten Bewerbern etwa die Hälfte eine Ausbildung beginnen. Die andere Hälfte der Jugendlichen ändert aus unterschiedlichen Gründen ihr Berufsziel und entscheidet sich beispielsweise doch für einen weiterführenden Schulbesuch oder ein Studium. Letztendlich stehen etwa sechs von 100 Bewerbern in Solingen am Ende des Ausbildungsjahres als unversorgte Bewerber zunächst leer da.

Wenn junge Frauen sich zur Mechatronikerin ausbilden lassen, ist das heutzutage noch die Ausnahme. Dabei wirbt Agentur-Chef Martin Klebe dafür, Alternative zu den klassischen Ausbildungsberufen in Betracht zu ziehen. FOTO: Fischer (Archiv)

Wie können Sie den Unversorgten jetzt noch helfen beziehungsweise auch den klingenstädtischen Unternehmen, die noch freien Lehrstellen zu besetzen?

Klebe Auch jetzt zum Ende des Ausbildungsjahres bewegt sich noch etwas. Unternehmen melden noch vereinzelt neue Ausbildungsstellen für dieses Jahr. Andere Stellen werden wieder frei, weil der Azubi die Ausbildung nicht angetreten oder abgebrochen hat. Wir stehen in engem Kontakt zu den Jugendlichen und den Unternehmen. Den noch ausbildungssuchenden Jugendlichen schlagen wir die noch freien Ausbildungsstellen - auch in den Nachbarstädten - vor und beraten diese intensiv über verwandte Berufe zu den Wunschberufen. Letztlich geht kein Jugendlicher leer aus, jeder erhält ein Angebot, beispielsweise zu einer berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme oder Einstiegsqualifizierung. Die Unternehmen, die noch Ausbildungsplätze frei haben, informieren wir über die Assistierte Ausbildung und Einstiegsqualifizierung. Bei der Assistierten Ausbildung werden schulisch schwächere Jugendliche unterstützt und auch im Betrieb bis zur Prüfung begleitet. Dadurch sollen schwächere Jugendliche eine Chance bekommen, die ohne die Begleitung nicht eingestellt worden wären. Bei der Einstiegsqualifizierung handelt es sich um ein einjähriges Praktikum. Jugendliche, die den Betrieb während des Praktikums von sich überzeugen, können anschließend direkt ins zweite Ausbildungsjahr übernommen werden.

Hat sich der Ausbildungsstellenmarkt im Vergleich zu den Vorjahren verändert? Wie sieht das Verhältnis zwischen Bewerbern und angebotenen Stellen aus?

Klebe Auf dem Ausbildungsstellenmarkt gibt es immer Auf- und Abwärtsbewegungen. Tendenziell liegt sowohl die Zahl der gemeldeten Ausbildungsstellen als auch die der Bewerber niedriger als beispielsweise vor fünf Jahren. Rechnerisch kommen in Solingen derzeit auf 100 Bewerber etwa 48 Ausbildungsstellen, vor fünf Jahren waren es noch 54 Stellen.

Sind die Jugendlichen in Solingen wie im Bergischen immer noch auf nur wenige Ausbildungsberufe fixiert? Was sind die vermeintlichen Traumberufe?

Klebe Tatsächlich finden sich jährlich in den Top Ten der Wunschberufe die gleichen Berufe. Das sind bei den Jungen die Maschinen- und Anlagenführer, Kaufleute im Einzelhandel oder Industriekaufleute. Mädchen nennen Medizinische Fachangestellte, Kauffrau Büromanagement und Kauffrau im Einzelhandel als die ersten Berufswünsche. Bei den alternativen Wünschen stellen wir aber eine breitere Vielfalt als bisher fest, doch diese bildet sich nicht in der Statistik ab. Die Jugendlichen werden also tendenziell flexibler. Trotzdem sind noch viele der über 300 Ausbildungsberufe bei den jungen Menschen eher unbekannt. Hier bemühen wir uns intensiv durch unsere Beratungs- und Orientierungsangebote der Berufsberatung darum, das breite Angebot an Ausbildungsberufen den Jugendlichen näher zu bringen.

Warum ist es so schwierig, ausbildungsmäßig den Horizont im Bergischen zu erweitern?

Klebe Die jungen Leute nennen als ersten Berufswunsch die Berufe, die sie hier im Bergischen erleben und aus dem Umfeld kennen. Erst bei den alternativen Berufswünschen zeigt sich dann mehr Flexibilität, die sich aber statistisch nicht abbildet. Sehr flexibel sind die Solinger übrigens im Bereich der Pendelbereitschaft. Diese wohnen in Solingen und pendeln zur Ausbildung oder Arbeit in die Nachbarstädte und das trotz teilweiser schwieriger Anbindungen mit dem öffentlichen Personennahverkehr. Die Wuppertaler oder Remscheider pendeln nicht so viel wie die Solinger.

Im Handwerk wird Nachwuchs gesucht. Hat dieser Berufsstand ein schlechtes Image oder sind die hier doch hervorragenden Aufstiegschancen zu wenig bekannt?

Klebe Ich finde, dass das Handwerk grundsätzlich kein Imageproblem hat. Viele Handwerksberufe lassen sich insgesamt genauso gut oder schwierig besetzen wie beispielsweise in der Industrie. Weniger attraktiv erscheinen den Jugendlichen nur einzelne Berufsbilder wie beispielsweise Fleischer oder Bäcker. In diesen wie in anderen Handwerksberufen bestehen gute Fortbildungs- und Aufstiegschancen, was in der Tat von vielen Jugendlichen völlig unterschätzt wird.

Die Ausbildungsbörse Forum Beruf findet am 4. und 5. Oktober zum neunten Mal im Theater und Konzerthaus statt. Lassen sich Jugendliche hier von Alternativen zum Traumberuf überzeugen?

Klebe Forum Beruf ist eine hervorragende Gelegenheit, viele tolle Ausbildungsberufe kennenzulernen. Schließlich können die jungen Leute an vielen Ständen nicht nur ganz praktische Handgriffe ausprobieren, sondern auch mit den Azubis der Unternehmen sprechen. Dadurch lernen sie Berufe kennen, an die sie vor dem Besuch noch nicht gedacht haben. Ein Besuch von Forum Beruf lohnt sich also auf jeden Fall.

UWE VETTER FÜHRTE DAS GESPRÄCH MIT MARTIN KLEBE.

Quelle: RP
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