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Solingen
Nordstadt: Razzia gegen Schleuserbande

Solingen: Nordstadt: Razzia gegen Schleuserbande
Polizisten verschafften sich Zugang zu dem Wasserpfeifen-Shop an der Konrad-Adenauer-Straße. Es wurde kistenweise Beweismaterial gesichert. FOTO: Kempner
Solingen. Schock für die Nachbarn: Die Bundespolizei durchsuchte gestern einen Laden an der Konrad-Adenauer-Straße. Er soll einer Schleuserbande als Stützpunkt gedient haben. Bei der bundesweiten Razzia wurden auch Waffen gefunden. Von Martin Oberpriller und Günter Tewes

Es war einer der größten Polizeieinsätze der zurückliegenden Jahre. Spezialeinheiten der Bundespolizei haben gestern Morgen im Zuge einer bundesweiten Großrazzia auch ein Geschäft an der Konrad-Adenauer-Straße in der Solinger Nordstadt durchsucht. Die Aktion, die zeitgleich in 24 Objekten in drei Bundesländern stattfand, und bei der in Essen ein 24 Jahre alter Hauptverdächtiger gefasst werden konnte, richtete sich gegen eine international agierende Schleuserbande. Den insgesamt 17 Beschuldigten, darunter auch Solinger, wird zur Last gelegt, in den vergangenen Monaten syrische und libanesische Staatsangehörige mit falschen Papieren nach Deutschland geschleust zu haben.

Razzia gegen Schleuserbande in Solingen FOTO: Kempner, Martin

Da einige der Bandenmitglieder als ausgesprochen gefährlich gelten, rückte die Bundespolizei am frühen Mittwochmorgen mit mehr als 570 schwerbewaffneten Spezialeinsatzkräften an. Allein an der Konrad-Adenauer-Straße in Solingen waren an die 20 Beamte der Bundespolizeidirektion St. Augustin im Einsatz, die mit fünf Fahrzeugen in der Nordstadt anrückten.

Die Razzia richtete sich gegen einen erst vor kurzer Zeit eröffneten Shisha-Shop, in dem normalerweise Wasserpfeifen angeboten werden. Allerdings könnte dies nur Tarnung gewesen sein. Denn nach bisherigen Erkenntnissen der Polizei unterhielt die Bande zahlreiche Stützpunkte in mehreren deutschen Städten, von wo aus die mutmaßlichen Täter die Schleusungen organisierten.

Fotos: Kopf der Bande in Essen festgenommen FOTO: dpa, mku jhe

Dabei gingen die Verdächtigen, die über vielfältige Kontakte ins Ausland verfügen sollen, meist nach dem selben Muster vor. Die Masche der Gruppe bestand darin, potenzielle Flüchtlinge in deren Heimatländern anzusprechen und den Menschen eine Flucht nach Deutschland schmackhaft zu machen. Hatten die Flüchtlinge dann "angebissen", nahmen die Schleuser ihnen bis zu 10.000 Euro pro Person ab, besorgten falsche Ausweise und schickten die zu Schleusenden in Flugzeugen auf teilweise abenteuerlichen Routen in Richtung Bundesrepublik.

Ein Vorgehen, dass allerdings nicht immer klappte. So strandete zum Beispiel vor einiger Zeit eine zehnköpfige libanesische Familie in Malaysia, wo sie wegen der gefälschten Papiere wochenlang ausharren musste, ehe ihr aus humanitären Gründen doch noch die Weiterreise nach Deutschland gestattet wurde. In einem arabischsprachigen TV-Sender klagten einzelne Familienmitglieder später über das kriminelle Gebaren der Schleuser und brachten die Fahnder auf diese Weise schließlich auf die Spur der Bande.

Eine Bande wohlgemerkt, von der nach allgemeiner Einschätzung ein großes Gefahrenpotenzial ausging. Wie die Polizei mitteilte, wurden bei der Razzia in den verschiedenen Objekten neben Ausweisen, Pässen, unversteuertem Tabak und gefälschten Markentextilien mehrere Macheten, Schwerter, Messer, Munition für Handfeuerwaffen sowie eine Laserzielvorrichtung für ein Gewehr gefunden.

So werben Schleuser für eine Überfahrt nach Europa FOTO: RP

Auch in Solingen schafften die Bundespolizisten gleich kistenweise Beweismaterial aus dem Shisha-Laden. Dieses wurde anschließend zur weiteren Untersuchung abtransportiert. "Nun gilt es zunächst, die sichergestellten Gegenstände auszuwerten", sagte gestern Mittag ein Sprecher der Bundespolizei unserer Redaktion. Das könne jedoch mehrere Wochen dauern, so der Sprecher, der darüber hinaus bestätigte, dass es in Solingen selbst keine Festnahmen gegeben habe.

Die Anwohner und Nachbarn in der Nordstadt reagierten geschockt. Die Betreiber des Shisha-Shops, der nach der Razzia geschlossen blieb, seien eher unauffällig gewesen, sagte ein Mann, der selbst an der Konrad-Adenauer-Straße einen Laden betreibt. Und eine Frau klagte wiederum, durch die erneute Polizeiaktion erscheine das ganze Viertel einmal mehr in einem schlechten Licht.

Tatsächlich war die Nordstadt in den zurückliegenden Jahren immer mal wieder Schauplatz spektakulärer Einsätze. So befand sich in unmittelbarer Nähe zum gestrigen Einsatzort die Moschee von Salafisten, die 2012 - ebenfalls bei einer Großrazzia der Polizei - geschlossen wurde. Kurz zuvor hatten sich die Salafisten vor dem Solinger Rathaus in der Nordstadt eine Straßenschlacht mit der Polizei geliefert.

Quelle: RP
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