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Solingen
Notschlafstelle in Not

Solingen: Notschlafstelle in Not
Jugendliche Bewohner der „Zehn“ (von links) Patrick Tiemann, Jan-Uwe Schmitz und Azad haben Bedenken, wenn die Plätze der Notschlafstelle in Kinderheim Kannenhof eingerichtet werden sollen. FOTO: Martin Kempner
Solingen. 125.000 Euro ließen sich einsparen, würde die Stadt die Notschlafstelle "Die Zehn" aufgeben. Die jugendlichen Bewohner haben Angst, ihre gewohnte Anlaufstelle zu verlieren: "Das ist wie eine Familie." Von Maxine Herder

Patrick Tiemann hat sich ausführlich mit dem Sparpaket der Stadt beschäftigt: Hat die Fakten nachgelesen, im Internet recherchiert und sogar im Büro des Oberbürgermeisters angerufen. "Dort wurde mir gesagt, dass er zurückruft, was er bis heute nicht getan hat", bedauert der 17-Jährige. "Vielleicht interessiert sich der Oberbürgermeister nicht für Jugendliche wie uns."

Für Patrick Tiemann geht es indes um viel: Wenn die Ratsfraktionen dem Vorschlag der Verwaltung folgen und im Rahmen des Sparpaketes die Notschlafstelle "Die Zehn" aufgegeben wird, verliert er nicht nur seinen Schlafplatz, sondern auch das, was er "so etwas wie eine Familie" nennt. "Hier kennt man sich, hier wird auf uns eingegangen", beschreibt er.

Nach dem Vorschlag der Verwaltung sollen die rund 100 Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die jedes Jahr eine Unterkunft in der Notschlafstelle finden, künftig im städtischen Kinderheim Kannenhof beziehungsweise die volljährigen Bewohner in einer Einrichtung in Trägerschaft eines Wohlfahrtsverbandes Unterkunft finden. Einsparvolumen: 125 .000 Euro.

Für Patrick, der in verschiedenen Heimen war, seit er Zuhause rausgeflogen ist und der nun seit einem Monat in der Notschlafstelle lebt, keine Alternative: "Viele sind wie ich auch aus den Kinderheimen rausgeflogen. Die Regeln dort sind viel strenger als hier, viele haben in verschiedenen Heimen Hausverbot."

Die "Zehn" indes sei für viele eine Übergangslösung, "bei der einem aber auch weiter geholfen wird, etwas Neues im betreuten Wohnen oder eine eigene Wohnung zu finden." Den ersten Schritt hat er schon gemacht: "Ich habe eine Ausbildungsstelle als Koch– dank der Hilfe von den Betreuern."

Azad, der seinen ganzen Namen lieber nicht nennen möchte, ist erst seit kurzer Zeit in der "Zehn". "Notschlafstelle", sagt er, "beinhaltet doch das Wort Not. Sie soll jungen Menschen in Not Hilfe bieten." Auch der 18-Jährige hat sein Elternhaus im Streit verlassen, brauchte ein Bett und eine Anlaufstelle – um so dringender, als er sich jeden Morgen auf den Weg zur Schule macht, wo er sein Fachabitur ablegt.

"Wenn man volljährig ist, bleiben einem doch nur die Obdachlosenheime", macht Azad deutlich. Er habe in der Vergangenheit in einem Obdachlosenheim übernachten müssen. "Das ist für mich das schlimmste, was man einem Heranwachsenden antun kann."

Auch für Jan-Uwe Schmitz (20) würde die Schließung einen herben Verlust bedeuten. Wegen einer Erkrankung ist er arbeitsunfähig, zu seiner Familie hat er keinen Kontakt. "Ich glaube nicht, dass uns anderswo vergleichbar geholfen werden könnte. Die nächste Notschlafstelle ist weit entfernt." Gemeinsam überlegen die Jugendlichen, wie sie auf ihre Situation aufmerksam machen könnten. "Vielleicht legen wir uns in Schlafsäcken vors Rathaus, denn das ist es ja, was uns droht."

Quelle: RP
 
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