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Solingen
Open-Air-Feeling pur

Solingen. Beim Stadtteilkonzert in Gräfrath verzauberten die Bergischen Symphoniker ihr Publikum mit einem Strauß wunderschöner Melodien. Von Cyrill Stoletzky

Es tut sich was auf dem Marktplatz in Gräfrath. Man schlemmt, genießt, plaudert. Es gibt kaum noch freie Plätze. Es ist proppevoll, aber urgemütlich. Das Wetter ist ein Traum - ein lauer Sommerabend. Jetzt werden Handys in die Höhe gehalten. Corinna Niemeyer hat das Podium betreten, hebt den Taktstock an. Die Bergischen Symphoniker sind bereit. Das ist Open-Air-Feeling pur.

Mit einer kraftvollen Bläserfanfare schwingen sich bewegte Streicher hinauf zum schwelgerischen Pathos der Ouvertüre zu Verdis "La Forza del destino". Welch eine Klangfülle - ein toller Auftakt zur fünften Ausgabe der diesjährigen Stadteilkonzerte, mit denen sich die Bergischen Symphoniker traditionell in die Sommerpause verabschieden.

80 Minuten lang durfte man schwelgen in Klängen und Melodien, die das Ohr so liebevoll verwöhnten wie ein Gourmetmenü den Gaumen. Orchesterakademie-Stipendiatin Corinna Niemeyer hat die Bergischen Symphoniker über ein Jahr als Dirigentin begleitet. Sie hat sich mit Sensibilität in den Orchesterapparat eingelebt, sich mit seinem "Sound" vertraut gemacht und ihre eigene künstlerische Persönlichkeit eingebracht. Mit viel Temperament dirigierte sie auch ihr 25. und vorletztes Konzert mit den Bergischen Symphonikern. Jede Nummer moderierte sie kenntnisreich, witzig und charmant an.

Und zu hören gab's viel. Da verzauberten die elegischen Violinen aus Glucks Reigen seliger Geister genauso wie Rossinis Diebische Elster, die das Orchester mit pointiertem Humor über den Platz flattern ließ. Das war opera buffa der besten Art. Elegische Akzente setzte der 2. Satz aus Dvoraks Neunter Symphonie, in dem das Englische Horn - feinfühlig und sensitiv intoniert von Michael Forster - eine der berühmtesten Melodien des romantischen Zeitalters anstimmte.

Dohnanyis Hochzeitswalzer, ein beschwingter, mit ironischen Untertönen versehener Wurf, zauberte dann wieder Salonatmosphäre herbei, bevor mit Edward Elgars erstem Pomp-and-Circumstance-Marsch D-Dur die Referenznummer eines jeden modernen Freiluftkonzerts zum Klingen kam. Sehr akzentuiert, klar und konturenreich präsentierten die Symphoniker den kräftigen, rhythmischen Marschteil, setzten ihn gut ab von der festlichen Hymne, die in ihrer elegant entwickelten Dynamik zum Mitsummen einlud und dann - nach einem schwungvollen Satz aus Bizets erster L'Arlesienne-Suite, zum Dankeschön für stürmischen Applaus - nochmals wiederholt wurde. Ein stimmungsvolles, rundes Finale für Gräfraths gar nicht so kleines Klassik-Open-Air.

"Es war eine Superstimmung, die uns sehr inspiriert hat", sagt Corinna Niemeyer. Sie liebt die Stadtteilkonzerte, "weil wir an verschiedenen Orten gespielt haben und die Musik durch die besondere Atmosphäre jedes Mal anders gewirkt hat." Ein Open Air vorzubereiten sei nicht einfach, weil sich die Musiker unter freiem Himmel meist schlechter hören als im Saal. Das Programm hat sie mit GMD Peter Kuhn ausgewählt. Mit den Werken von Elgar, Bizet und Dvorak konnte sie "viele Wunschstücke unterbringen". Das Jahr mit den Symphonikern hat sie sehr bereichert. "Es war toll, das Orchester ein Jahr zu begleiten und über einen längeren Zeitraum zu sehen, wie es arbeitet." Am 18. Dezember wird Corinna Niemeyer das Familienkonzert mit dem Gürzenich Orchester in der Kölner Philharmonie leiten.

Quelle: RP
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