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Solingen
Polizistin schaut Pfarrerin über die Schulter

Solingen. In der evangelischen Kirche in Widdert stehen rund 20 Kindergartenkinder und Erzieherinnen im Kreis. Mitten unter ihnen Pfarrerin Kristina Ziegenbalg und Kriminalhauptkommissarin und Polizeisprecherin Anja Meis. Zuerst wird gesungen. "Singen, beten, danken dem Herrn". Dann kommt Kirchenmusiker Holger Kunz mit einer Handpuppe, die er zum kleinen Schaf Wolli belebt, das von seinem aufregenden Abenteuer erzählt. Denn Wolli ist aus dem Stall abgehauen, um die Welt zu sehen, und hat sich dann verlaufen.

Die Kinder lauschen aufmerksam dem kurzen Dialog zwischen Wolli und der Pfarrerin und erzählen von eigener Angst und Alleinsein. Dann wird noch einmal fröhlich gesungen, und der Kindergarten-Gottesdienst für die Kinder im Alter von zwei bis drei Jahren klingt aus. Gleich kommen die Älteren. "Das ist das Spannende an meinem Beruf", meint Kristina Ziegenbalg. Das hochtrabende theoretische Reden lerne man beim Studium, aber dieses Wissen dann herunterzubrechen, damit es ein Zweijähriger versteht, kann eine Herausforderung sein. Für Anja Meis hält der Kindergarten-Gottesdienst ganz andere Herausforderungen bereit. "Also ich wäre total nervös, wenn ich vor einer Gruppe Kindern oder vor einer vollen Kirche stehen müsste", gibt sie zu. Einen ganzen Tag begleitet sie die Pfarrerin bei ihren unterschiedlichen Tätigkeiten und schaut ihr bei der Arbeit über die Schulter. "Partner for one day" heißt die Aktion, die eigentlich aus Amerika kommt. Pfarrerin Ziegenbalg hat davon gelesen und nun zum zweiten Mal jemanden aus einem völlig anderen Beruf eingeladen.

"Dabei entstehen Fragen, die ich vorher nicht hatte", erzählt die Polizeisprecherin. Zum Beispiel, was drückt die Stola aus? "Darüber habe ich mir vorher keine Gedanken gemacht." Anja Meis ist an der Lacher Straße aufgewachsen. "Ich war im Gottesdienst hier und wollte schon immer mal von hinten in die Kirche gehen", verrät sie schmunzelnd. Die Gelegenheit hatte sie bereits. Auch auf dem Gemeindeamt war sie mit der Pfarrerin. "Man sitzt nie lange still", stellt sie überrascht fest. Krankenhausbesuche und Notfallseelsorge stehen noch auf dem Programm. "Unser Alltag ist ähnlich unstrukturiert", meint Anja Meis, "er ist situationsabhängig."

Aber auch auf Kristina Ziegenbalg wirkt die Anwesenheit der Polizistin. "Ich bin ganz vorschriftsmäßig gefahren", gibt sie lachend zu und freut sich auf das Feedback nach dem Tag. "Wir werden ja alle irgendwann betriebsblind." Anja Meis kann den Alltag der Pfarrerin mit neutralen Augen betrachten. Natürlich ist Vertrauen wichtig. "Man öffnet sich und lässt sich in die Karten schauen", sagt Kristina Ziegenbalg. Nächste Woche wird sie dann einen Tag mit Anja Meis in der Pressestelle des Polizeipräsidiums Wuppertal verbringen.

(sue)
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