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Ansischtssache
Probleme hausgemacht oder fremdverschuldet?

Meinung | Solingen. Ansichtssache Vor knapp elf Monaten hat National Express die Regionalbahn 48 und den Regionalexpress 7 als Betreiber von der DB Regio übernommen. Was geblieben ist, ist der Ärger bei den Pendlern. Unsere Autoren streiten darüber, wer die Verantwortung trägt.

Pro 
Die Köpfe an der Spitze der britschen Verkehrsunternehmens National Express waren sicher etwas blauäugig. In Aussicht gestellt haben sie, dass nach der Übernahme von der DB Regio auf den Linien der Regionalbahn 48 und des Regionalexpresses 7 alles besser werden würde. Das galt insbesondere für die Pünktlichkeit des RE 7, der zwischen Rheine / Münster über Hagen, Wuppertal, Köln und Krefeld unterwegs ist.

Hoffnung setzte man bei National Express auf die Beschleunigungskraft und die Geschwindigkeit die Triebwagenzüge des Typs Talent 2 aus dem Hause Bombardier. Ein erstes Problem, für das das Unternehmen nicht verantwortlich war. Wo flatschneue, noch nicht zuvor erprobte Technik eingesetzt wird, sind Kinderkrankheiten programmiert. Mal waren es die Türen, mal die Klimaanlage, mal die Lautsprecheranlage, weswegen die Züge in der Werkstatt gewartet werden mussten. Und so waren die Züge in den ersten Monaten oft in Einzeltraktion mit der Hälfte der vorgesehenen Kapazitäten unterwegs.

Ein zweites Problem, mit dem National Express wie die Deutsche Bahn als Vorgänger-Betreiber zu kämpfen hat, ist die hohe Auslastung der Strecke auf den Abschnitten zwischen Hagen und Wuppertal sowie im Nadelöhr rund um den Kölner Hauptbahnhof. Ein Zug kann über eine noch so gute Beschleunigung verfügen. Sie hilft nicht, wenn ein Fernzug (ICE / IC) verspätet ist und ein Anrecht auf Überholung genießt. Sie hilft auch nicht, wenn ein anderer verspäteter Nahverkehrszug vor der Rhein-Wupper-Bahn oder dem Rhein-Münsterland-Express die Strecke blockiert. Schnell addieren sich so die Minuten. Hinzu erschwerten die vielen Großbaustellen zwischen Solingen den Start im ersten Jahr.

Erstaunlicherweise sind die Züge auch knapp elf Monate nach der Übernahme immer noch in einem guten Zustand. Abgesehen von den Kratzern auf dem Boden (hier ist nur nach Optik und nicht nach Robustheit ausgewählt worden) sind die Wagen in der Regel sauber und gepflegt. In den späten Abend- und Nachtstunden fühlen sich Fahrgäste sicher, weil National Express in jedem seiner Züge Sicherheitspersonal einsetzt, das zugleich die Fahrkarten kontrolliert.
Guido Radtke

Contra 
Man muss nicht lange um den sprichwörtlich heißen Brei herumreden: Knapp ein Jahr, nachdem das britische Bahnunternehmen National Express in der Region die Arbeit aufgenommen hat, fällt die Bilanz ziemlich schlecht aus. Ärger mit der Technik, überfüllte Züge, Verspätungen und als trauriger Höhepunkt das Fiasko, als im Sommer ganze Züge ausfielen, weil zu wenig Lokführer zur Verfügung standen, lassen nur ein Fazit zu: Das Tempo, mit dem das Unternehmen seinen Ruf bei den Kunden verspielt hat, hätte man sich manches Mal lieber im Alltag auf der Schiene gewünscht.

Keine Frage, aller Anfang ist schwer. Doch es führt kein Weg daran vorbei, dass die Pannen bei National Express Methode haben. Die Verantwortlichen haben die Herausforderungen unterschätzt, die das Betreiben von zwei wichtigen Bahnlinien in NRW nun einmal mitbringt. Wer glaubt, er könnte die Strecken der Regionalbahn 48 sowie des Regionalexpresses 7 bedienen, hat schlicht und ergreifend vom ersten Tag an dafür Sorge zu tragen, dass die benötigte Hardware, in diesem Fall Züge, zur Verfügung steht.

Davon konnte indes in den ersten Monaten keine Rede sein – mit der Folge, dass National Express bereits viel an Reputation verspielt hatte, als schließlich der Super-GAU passierte. Weil – völlig überraschend – während der Sommerferien einige Zugführer in Urlaub waren und auch noch ein paar Kollegen krank wurden, strich National Express kurzerhand einige Fahrten, ohne die Kunden über diese ohnehin inakzeptablen Ausfälle zu informieren.
Mit Verlaub, das kann sich vielleicht eine Pommesbude erlauben, die in solchen Fällen ein Schild ins Fenster hängt: "Wegen Krankheit geschlossen". Doch für ein Bahnunternehmen ist dies ein Armutszeugnis und lässt lediglich den Schluss zu, dass es National Express von Beginn an darauf angelegt hatte, mit wenig Personal und geringen Kosten den maximalen Profit herauszuholen.

Okay, so kann man es sicher machen. Nur darf man sich dann auch nicht über die Konsequenzen wundern. Dass sich einige Kunden inzwischen wieder die Bahn als Betreiberin zurückwünschen, sollten die Verantwortlichen als das verstehen, was es ist: Ein Alarmsignal.
Martin Oberpriller

Quelle: RP
 
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