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Serie Traditionsberufe (7)
Putzmunter mit Designer-Lehm

Serie Traditionsberufe (7): Putzmunter mit Designer-Lehm
Patrick de Saint Glenn kennt sich bestens mit Lehmputz aus. FOTO: Martin Kempner
Solingen. Patrick de Saint Glenn arbeitet am liebsten mit dem Naturbaustoff - mit ungebrannten Ziegeln und Putzen in 138 Farben. Von Fred Lothar Melchior

Wer schmeißt denn da mit Lehm? In Solingen kann das eigentlich nur Patrick de Saint Glenn sein. "Was schäm'n", wie die Kabarettistin Claire Waldoff sang, muss sich der 48-Jährige dafür nicht: Seine Kunden wollen es so. "Was anders nehm'n" wird der Stuckateur ohnehin nur selten: "Als ich meinen ersten Sack Lehm aufgemacht habe, war die Leidenschaft sofort da. Lehm ist ein ungemein angenehmes Material und ästhetisch einfach unschlagbar."

Den ersten Kontakt mit dem Naturbaustoff hatte de Saint Glenn kurz nach seiner Meisterprüfung im Jahr 2002. Ein guter Freund wollte ein altes Fachwerkhaus in einer Höhscheider Hofschaft vor dem Verfall retten. "Er wollte es genauso sanieren, wie es einmal war", erinnert sich der Stuckateur. Die Sanierung dauerte sieben Jahre, aber die Begeisterung des Handwerkers war sofort geweckt. "Danach habe ich tausende der ungebrannten Lehmsteine verarbeitet."

Vorher waren es klassische Putzarbeiten, mit denen der gebürtige Solinger seinen Lebensunterhalt verdiente. Schon als Geselle - den Brief hatte er mit 19 in der Tasche -machte sich Patrick de Saint Glenn 1996 selbstständig. "Autonomer zu arbeiten, etwa eine Baustelle als Generalunternehmer zu betreuen, das ging dann nur mit dem Meisterbrief." Bei der Meisterprüfung gestaltete er in fünf Tagen "aus flüssigem Material" eine vier Quadratmeter große Stuckdecke: "Das ist schon der künstlerische Bereich."

Künstlerisch wertvolle Aufträge wie die Deckenreparatur in einer Düsseldorfer Jugendstilvilla kamen danach aber eher selten. Deshalb war er 2010 sofort fasziniert, als er bei der Baumesse in München die Möglichkeiten von Lehmdesignputz erkannte: Darauf wollte er sich spezialisieren. "In derselben Woche habe ich die Entscheidung getroffen, eine Ausstellung einzurichten", beschreibt der Solinger mit französischen und russischen Vorfahren den nächsten Schritt. "Die Vielfalt von Lehmputz kann man nicht über einen Katalog darstellen." In dreimonatiger Arbeit entkernte de Saint Glenn eine ehemalige Metzgerei an der Eichenstraße, die zuletzt von einer Heißmangelei genutzt worden war. Das ursprünglich raumhoch geflieste Zimmer ist heute wohnlich: Der Stuckateur zeigt, was mit Lehmputzen der Marke Yosima alles möglich ist - etwa perfekte Rundungen. "Gerade die Damen treffen die Entscheidung sehr schnell", sagt der Unternehmer. "Es geht nur ums Gefühl." Dabei ist die Palette beachtlich: Es gibt 138 Farben und auch Varianten mit eingearbeiteten Muschelstücken, mit Japangras und mit Stroh. Und "Gefühl" kann man auch technisch betrachten: "Es gibt keinen diffusionsoffeneren Putz als Lehm", erläutert de Saint Glenn. "Lehm kann zehnmal mehr Feuchtigkeit aufnehmen als Gips."

Bei vielen Kunden ist deshalb das Badezimmer der erste Raum, den der Solinger neu verputzt. "Bei manchen Auftraggebern arbeite ich mich danach praktisch durch das ganze Haus. Ich habe sehr viel Mundpropaganda und war beispielsweise gerade in Kürten im Einsatz." Die Aufträge reichen vom Kachelofen (Lehm ist auch für Wandheizungen geeignet) bis zum Gewölbekeller. Sieben bis siebeneinhalb Monate ist Patrick de Saint Glenn nur mit Lehmputzen beschäftigt, den Rest des Jahres mit konventionellen Arbeiten.

Aber die Nachfrage nach Lehm steigt: "Die ersten Bauvereine interessieren sich gerade dafür. Wer weiß, was sich da noch ergibt." Meistens seien es relativ junge Familien mit kleinen Kindern, die sich bei ihm meldeten - etwa wegen Allergien. Bei seiner eigenen Familie hat de Saint Glenn inzwischen fast alle Wände mit Lehm verputzt. "Die Designputze sind für sämtliche Untergründe geeignet, für Altputze jeglicher Art", betont der Stuckateur. Die rund zwei Millimeter dicke Lehmschicht ist dabei etwa doppelt so teuer wie ein herkömmlicher Gipsputz.

"Man muss schon ein bisschen Leidenschaft mitbringen und braucht sehr viel Fingerfertigkeit", unterstreicht de Saint Glenn. "Aber dann sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt." Auch beim Lehm-Weitwurf: "Die Wurftechnik lernt man mit der Zeit", erläutert der Stuckateur, der sich in diversen Seminaren zum Lehmexperten weitergebildet hat. "Die Haftung von Lehm ist unglaublich. Den kann man von drei Metern an die Wand werfen."

Quelle: RP
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