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Solingen
Radikalisierung von Jugendlichen verhindern

Solingen. Tagung im Theater informierte Fachkräfte aus der Jugendarbeit über rechten und religiös begründeten Extremismus. Von Benjamin Dresen

Diese Entwicklung ist alarmierend: In Deutschland nehmen die rechtsextreme Gewalt und die Zahl gewaltbereiter Islamisten zu. Beide Szenen ködern Jugendliche mit Versprechen wie Identität, Orientierung und Zugehörigkeit. Die Fachtagung "Radikalisierung von Jugendlichen" im Theater und Konzerthaus setzte sich gestern mit diesem Problem auseinander. Veranstalter waren neben der städtischen Jugendförderung die Awo Arbeit & Qualifizierung sowie "Wegweiser im Bergischen Land", eine Wuppertaler Beratungsstelle gegen religiösen Extremismus. "Wir möchten präventiv tätig werden, bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist", erklärt Patricia Stute von der Jugendförderung den Ansatz.

Denn damit Jugendliche nicht in diese Szenen abdriften, ist es wichtig, möglichst früh gegenzusteuern. 95 Anmeldungen zählten die Veranstalter. Die Teilnehmer arbeiten in Solingen an verschiedenen Stellen mit Kindern und Jugendlichen, etwa als Schulsozialarbeiter, in der Jugendhilfe, in Kirchen und Moscheen, beim kommunalen Integrationszentrum oder in der Flüchtlingsarbeit. "Es geht darum, die Solinger Infrastruktur für das Thema zu sensibilisieren", sagt der Leiter der Jugendförderung, Jürgen Bürger.

Am Vormittag berichteten Aussteiger aus der rechtsextremen und der salafistischen Szene; der Islamwissenschaftler Elhakam Sukhni sprach über "Radikalisierungsprozesse und Dschihadpropaganda im Kontext des Syrienkonfliktes". Nach der Mittagspause beleuchtete der Sozialpsychologe Prof. Dr. Andreas Zick von der Uni Bielefeld in seinem Vortrag das Thema "Rechtsextremismus und Parallelen zum religiös begründeten Extremismus". Workshops zu Internetpropaganda und den Rekrutierungsstrategien der Szenen gaben den teilnehmenden Pädagogen Hinweise, was sie in der praktischen Arbeit tun können.

Professor Zick ordnete die beiden gewaltbereiten Szenen genauer ein. Auch wenn sie beide für orientierungssuchende Jugendliche attraktiv seien, so seien sie nicht austauschbar. Während der Rechtsextremismus von "hochgradiger Menschenfeindlichkeit und rassistischer Motivation" gekennzeichnet sei, werbe der Salafismus mit "einem Heilsversprechen und dem Kalifat". Ein schleichender Prozess auf beiden Seiten sei, dass "Jugendliche, die nach Sinn suchen", immer jünger würden, so Zick. Dies beginne im Internet zum Teil schon bei Acht- bis Neunjährigen. "Junge Menschen haben wichtige Fragen an ihre Eltern und die Gesellschaft", betont der Wissenschaftler.

Akute Probleme mit beiden Extremistenszenen soll es derzeit in Solingen nicht geben. "Der harte Kern der Dschihadisten aus Solingen ist weg. Zurückgeblieben seien nur einige Mitläufer", schätzt Islamwissenschaftler Elhakam Sukhni die Lage ein. "Die Zelle in Solingen ist sehr schwach geworden." Und Jürgen Bürger sagt: "Bezogen auf die rechte Szene ist dem Jugendamt wenig bekannt. Bei dem Thema ist diese Stadt hellwach."

Quelle: RP
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