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Solingen
Richten und schlichten in der Freizeit

Solingen: Richten und schlichten in der Freizeit
Lothar Ufermann schlichtet ehrenamtlich Streitigkeiten, um Gerichte zu entlasten. FOTO: Köhlen
Solingen. Am gestrigen Tag des Ehrenamts hat das Justizamt zwei Solinger für ihr Engagement geehrt: Lothar Ufermann und Anke Peiniger. Von Verena Kensbock

Lothar Ufermann ist kein Schiedsrichter, sondern ein Schiedsmann. Das ist ein bedeutender Unterschied, denn seine Aufgabe ist nicht das Richten, sondern das Schlichten. Seit 17 Jahren versucht Ufermann, streitende Nachbarn, Familienmitglieder oder Bekannte wieder zu versöhnen. Das macht er Zuhause, auf neutralem Boden, in einer persönlichen Umgebung. An der weißen Fassade des Mehrfamilienhauses in Aufderhöhe hängt das Schild: Schiedsamt. Am Holztisch in seinem Wohnzimmer sitzen dann die Streithähne.

Als Polizist hatte der 76-Jährige immer wieder Konflikte zwischen Menschen lösen müssen. Das wollte er auch in seinem Ruhestand weitermachen. Also ließ er sich vom Stadtrat und dem Amtsgericht zum Schiedsmann wählen. Nun wenden sich Privatpersonen an ihn, die sich außergerichtlich einigen wollen, oder das Amtsgericht schaltet Ufermann ein. Oftmals sind es Streitigkeiten unter Nachbarn, die Lothar Ufermann schlichtet. "Es geht um Baumbeschnitt und Hecken, Zäune und Grenzmauern", sagt er.

So war es auch bei seinem ersten Fall vor 17 Jahren. Die Bewohner einer Doppelhaushälfte hatten Streit. Die Kinder des einen Nachbarn rannten immer durch die Einfahrten. Der andere Nachbar fürchtete, sie zu überfahren. Also baute er eine Mauer, die wiederum dem anderen Nachbarn nicht gefiel. Ufermann schaffte einen Vergleich und bewahrte die Nachbarn vor einem kostspieligen Gerichtsprozess.

Etwa zehn solcher Fälle bearbeitet Ufermann im Jahr, die Diskussionen dauern meist zwei Stunden. Oft fährt der Schiedsmann aber auch vorher raus, um sich die Situation selbst anzuschauen. Sein längster und schwierigster Fall dauerte sechs Stunden. Eine Streitperson hatte ihre Mutter als Beistand mitgebracht. Die Mutter störte die Schlichtung, redete dazwischen und wurde auch dem Schlichter gegenüber frech. "Das war die einzige Schlichtung, die ich abbrechen musste", sagt Ufermann. "Ich habe der Frau ein Ordnungsgeld verhängt und sie dem Raum verweisen."

FOTO: Monika Gross

Als Schiedsperson darf Lothar Ufermann keine Rechtsgrundlage haben, er soll mit gesundem Menschenverstand schlichten. Das ist bei Anke Peiniger anders - für die 65-Jährige ist das Ehrenamt mehr eine berufliche Herausforderung. Peiniger führt eine Personalberatung, ist seit 34 Jahren als ehrenamtliche Richterin beim Arbeitsgericht Solingen tätig und vertritt dort die Seite der Arbeitgeber.

Sie entscheidet mit einem hauptamtlichen Richter und einem Vertreter des Arbeitnehmers über Kündigungen, Abmahnungen und Zahlungsklagen. "Als Personalleiterin trifft man viele Entscheidungen. Als ehrenamtliche Richterin habe ich dann mit der anderen Seite zu tun, mit den Konsequenzen dieser Entscheidungen", sagt Peiniger. "Es ist eine berufliche Erfahrung, und man dient der Rechtsfindung."

Etwa fünf Mal im Jahr wird Anke Peiniger bei Prozessen hinzugezogen. Obwohl sie das ehrenamtlich macht, hat die Personalberaterin dasselbe Stimmrecht wie der Berufsrichter: "Zusammen mit dem anderen ehrenamtlichen Richter könnte ich ihn überstimmen." Zudem sitzt sie im ehrenamtlichen Richterausschuss und ist seit 2005 Richterin im Ehrenamt beim Sozialgericht Düsseldorf. Dieses Ehrenamt können nur Personen übernehmen, die auch die Expertise haben, sagt Peiniger.

Das ist beim Schiedsamt anders. Doch die Bekannten und Freunde von Lothar Ufermann können sich trotzdem nicht vorstellen, sein Hobby zu teilen. "Die meisten sagen: Was interessieren mich die Streitigkeiten anderer Leute ?", erzählt Ufermann. Er glaubt, dass das Amt zu bürokratisch klingt. Und viele wüssten gar nicht, was eine ehrenamtliche Schiedsperson macht. Ende des Jahres wird im Bezirk Burg eine Stelle frei. Bisher habe sich nur eine Person dafür beworben.

Für den 76-Jährigen ist es ein Gewinn, zwei zerstrittene Parteien wieder zusammenzuführen. "Wenn ich nach einer schwierigen Diskussion eine Versöhnung erreiche, ist das auch eine persönliche Befriedigung", sagt er. Seine Erfolgsquote liege bei 70 Prozent. Lothar Ufermann ist noch bis 2021 im Amt. Auch danach muss nicht Schluss sein: "Sollte ich gesund bleiben, kann ich mir eine weitere Amtszeit von fünf Jahren vorstellen".

Quelle: RP
 
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