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Solingen
Richtig weh zu tun, muss gelernt sein

Solingen: Richtig weh zu tun, muss gelernt sein
Kampfsportlerin und Kursleiterin Annette Zühlke macht Frauen Mut, sich zu wehren. Durch die Selbstverteidigungsübungen können sie sich sicherer fühlen. FOTO: Martin Kempner
Solingen. Nicht nur nach der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof ist für Kampfsportlerin und Kursleiterin Annette Zühlke die Selbstverteidigung für Frauen ein wichtiges Thema. Von Jan Crummenerl

Der 17-jährige Tobias scheint ein ganz böser Bursche zu sein. Er hält Frauen am Arm fest, umklammert sie, würgt sie, nimmt sie in den Schwitzkasten. Dafür aber muss er aber auch ganz schön einstecken. Ihm wird auf den Fuß gestampft, vors Schienenbein und in die Genitalien getreten, der kleine Finger ausgerenkt und auf die Ohren geschlagen.

Aber er ist keineswegs krankenhausreif, sondern ziemlich fidel - und sehr freundlich. Tobias Heitsch ist Trainer für Teakwondo beim Merscheider Turnverein. Hier hilft er beim Selbstverteidigungskurs für Frauen mit.

Tritte, Schläge und Kniffe werden nur angedeutet. Kursleiterin ist die Kampfsportlerin Annette Zühlke. "Gerade mit Blick auf die Silvesternacht in Köln ist das Thema aktueller denn je", sagt die für "Selbstbehauptung und Selbstverteidigung für Frauen" vom Landessportbund NRW lizensierte Trainerin.

Übergriffe aber gibt es auch im "normalen" Alltag. "Man wird an der Bushaltestelle angemacht, jemand klingelt mit dem Enkeltrick an der Wohnungstür oder fragt nach einem Glas Wasser." Da müsse man wissen, was zu tun ist. Der Kurs richtet sich besonders an Frauen über 50 Jahre. Das Programm ist ein wenig anders. "Denn junge Frauen haben noch andere körperliche Möglichkeiten und können andere Fallübungen trainieren", erklärt die 49-Jährige. In der ersten Kurshälfte steht Selbstbehauptung an. Hier geht es um den Einsatz der Stimme und die Körperhaltung. "Laut zu schreien, muss richtig geübt werden, denn den meisten ist das peinlich oder einfach nur blöde. Hier ist es das Wichtigste, Öffentlichkeit zu erzeugen."

Von vorne herein soll in solchen Situationen kein Opferverhalten gezeigt werden. Aber es fängt schon vor einem Übergriff an. Zühlke: "Man muss die Wahrnehmung seiner Umwelt schärfen, um Gefahrenmomente erkennen zu können." Auch das muss trainiert werden, weil es ungewohnt ist. "Weglaufen ist natürlich die optimale Lösung." Aber wenn das nicht mehr geht?

Tobias Heitsch umklammert Annette Zühlke von hinten, presst ihre Arme zusammen. Sie stampft dem Angreifer auf den Fuß und dann kommt die "spanische Tänzerin": Zühlke nimmt die Arme gerade nach unten und spreizt die Finger wie einen Fächer. Dadurch spannen sich die Muskeln an. Mit einer Drehbewegung nach oben befreit sie sich und stößt den Angreifer von sich. Das üben anschließend die Kursteilnehmerinnen. Von der Idee, den Angreifer auf Armeslänge von sich zu halten, hält Zühlke nichts. "Wenn ich umklammert werde, kann der andere auch nicht mehr viel tun." Aber wer als Frau die Tricks gelernt hat, kann das sehr wohl. "Wichtig ist es, den Angreifer zuerst zu schocken", erklärt die Trainerin.

Und das geht über heftige Schmerzen. Etwa der Stampftritt auf den Fuß. Männer sind körperlich meist überlegen, und ein Verfolger hat ohnehin schon ein besonderes Machtgefühl. "Für uns zivilisierte Menschen ist es schwer, richtig zuzutreten, weil man ja doch keinem wirklich wehtun will." Auch das muss trainiert werden. Dafür schlüpft ein Trainer auch mal in den gepolsterten Schutzanzug.

Monatlich wird einmal beim Merscheider Turnverein diese Selbstverteidigung angeboten. Denn das Wiederholen ist wichtig. Am besten ist es, wenn Selbstverteidigungsabläufe automatisch abrufbar sind. Handtaschen werden im Kurs verteilt und Zühlke demonstriert, was man damit machen kann: Wie einen Hubschrauberrotor über dem Kopf kreisen lassen oder wie eine große Acht vor dem Körper.

Und so geht es dann energisch auf den Angreifer zu. Abschließend dürfen die Kursteilnehmerinnen die beiden Trainer damit auch mal hauen. "In diesen Taschen ist Schaumstoff. Aber meisten sind sie schwer und wuchtig. Ich gehöre ja auch zu denen, die meist ihr halbes Badezimmer mit sich herumtragen."

Auch junge Teilnehmerinnen sind willkommen. Zu ihnen gehört die 21-jährige Alexandra. Sie trainiert ebenfalls einmal im Monat. "Ich mache gerade eine Ausbildung zur Erzieherin und habe es da auch oft mit schwierigen Jugendlichen zu tun." Über das Internet ist sie auf den Kurs aufmerksam geworden. "Ich bin eher ein zurückhaltender Mensch. Aber gerade durch die Selbstbehauptungsübungen fühle ich mich sicher."

Quelle: RP
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