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Solingen
Rollende Panzer, die gnadenlos über alles hinwegfahren

Solingen. Uneitel und tiefsinnig: Benjamin Moser eröffnete im Meistermann-Saal des Kunstmuseums die Reihe "Junge Pianisten Elite". Von Jan Crummenerl

Mit Mütterchen Russland und Väterchen Stalin hatte Sergei Prokofjew nicht viel Glück gehabt. 1918 verließ er das von der Revolution gebeutelte Land. Mitte der 30er Jahre trieb ihn das Heimweh zurück. Ähnlich wie Schostakowitsch wurde er vom Regime misstrauisch beäugt und gerüffelt. Werk und Leben des Komponisten sind dabei auf fast groteske Weise mit Stalin verbunden. Als Prokofjew am 5. März 1953 starb, ging das komplett unter. Denn es war auch der Todestag seines Peinigers Stalin. Fast genauso seltsam ist es, dass der oft Gescholtene 1943 mit dem Stalinpreis für seine 7. Klaviersonate ausgezeichnet wurde. Da könnte man es ja fast mit Lenin halten: "Sag mir, wer dich lobt, und ich sage dir, worin dein Fehler besteht." Aber der Künstler schlägt dem System ein Schnippchen. Während die staatlichen Kulturpfründner wohlwollend nicken, lachen sich die Kenner ins Fäustchen ob dessen, was die Komponisten der Diktatur so unterjubeln. "Denn diese Kriegssonate Prokofjews schildert keinen Sieg, sondern nur Zerstörung", sagt Benjamin Moser. Mit einer ebenso fulminanten wie erschütternden Interpretation dieses Werkes beschloss der Virtuose das Auftaktkonzert der Reihe "Junge Pianisten Elite" am Sonntagabend im Kunstmuseum.

Im gut besuchten Meistermannsaal blieb einem bei diesem Stück fast das Herz stehen. Eine perfekte Technik bildete mit einem großen Ausdruckswillen ein zwingendes Gespann. Und mehr noch: Das völlig uneitle Wesen und Spiel von Benjamin Moser stellten ganz die Werke in den Vordergrund. Wie ein Drama brach diese Sonate herein. Ungestüm und wild wurde der 1. Satz in Szene gesetzt: ein Marsch, in dem man Gewehrfeuer und Granateinschläge hören kann - als wäre es eine Stummfilmmusik. Eine lichte Episode gestaltet Moser als verblüffenden Kontrast, bevor der Marschtritt wieder alles niederwalzt. Moser macht das Andante zu einem Kabinettstück. Das Thema schwebt über dem idyllischen Intermezzo und kann doch die lauernden Abgründe nicht verdecken. Aus einem erschütternden Rotieren der Motive zaubert Moser das sanfte Geläut der Totenglocken. Atemlos wird mit brutaler Motorik im Finale die Jagd nicht nur über die Tasten aufgenommen: die Mechanik einer Tötungsmaschinerie. "Bei diesem Satz denke ich an rollende Panzer, die gnadenlos über alles hinwegfahren", deutete Moser dieses Finale.

Danach konnte es nur einen Szenenwechsel geben. Träumerisch von Moser hingehaucht, wurde Schumanns "Von fremden Menschen und Ländern" zur versöhnlichen, aber auch nachdenklichen Zugabe. Von Schumanns "Kinderszenen" ist es nicht weit zu Debussys Gegenstück "Children's Corner". Ganz unprätentiös kommt hier etwa "Doctor Gradus ad Parnassum" daher. Und in den unruhigen Momenten ließ der Pianist durchblicken, dass da durchaus auch mal ein Albtraum an die Schlafzimmertür klopfen kann. Beinahe kristallische Klarheit beherrschten die Sätze bis zum akzentuiert dahinpolternden "Cakewake", dessen Jazzigkeit die Füße wippen ließ. Mal sanft, mal düster, mal dramatisch aufbrausend, mal elegisch innehaltend, immer volltönend - so gestaltete der Künstler ein Präludium und ein Nocturne von Skrjabin. Und wer den richtigen Sitzplatz hatte, dem gingen auch die Augen über. Denn beide Stücke sind nur für die linke Hand geschrieben. Sanft kommt Undine daher. Sanft, aber weniger anheimelnd schwingt der Galgen im Nachtwind. Und dann kommt noch aus nächtlicher Tiefe ein grauseliger Zwerg angehumpelt: "Gaspard de la Nuit" von Ravel gab Moser die Chance, expressionistische Charakterbilder aus den Tasten zu zaubern.

Mit dem sympathischen Künstler macht der Auftakt der Museumskonzerte gespannt auf das, was kommt.

Quelle: RP
 
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