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Serie "Zukunft Bauen"
Rostbraun wie die Blätter im Herbst

Serie "Zukunft Bauen": Rostbraun wie die Blätter im Herbst
Die moderne Fassade von Haus Müngsten trifft nicht den Geschmack aller Besucher des Brückenparks. Der wetterfeste Baustahl wurde von den Architekten eingesetzt als Reminiszenz an die Brücke und die industrielle Vorgeschichte des Tals. FOTO: Stephan Köhlen
Remscheid. Im großen Panoramafenster von Haus Müngsten spiegelt sich die Eisenbahnbrücke. Die Fassade spielt bewusst mit der industriellen Geschichte des Bergischen Lands. Von Fred Lothar Melchior

Die einen lieben es, die anderen lässt die Fassade aus Cortenstahl kalt, ebenso wie das moderne Innere: Haus Müngsten polarisiert. "Die einen sagen, es sei wunderschön", berichtet Betriebsleiterin Sabine Groß. "Andere Gäste würden die Sichtbetonwände am liebsten dekorieren, wenn sie bei uns feiern." Bei Menschen vom Fach ist man sich dagegen einig: Das Gastronomiegebäude im Brückenpark wurde 2010 von der Architektenkammer NRW sowie dem Bauministerium als vorbildlich ausgezeichnet.

Susanne Schwalen (l.), Vorstandsvorsitzende der Lebenshilfe, und Sabine Groß, Betriebsleiterin im Haus Müngsten. FOTO: flm / pape + pape

Da war Haus Müngsten gerade einige Monate in Betrieb; den Brückenpark gab es bereits seit vier Jahren. Der Neubau füge sich harmonisch ein, lobte die Jury. Er werte den Standort durch seinen reizvollen Kontrast mit der Brücke weiter auf. Das freute nicht nur die Lebenshilfe als Bauherr, sondern auch Tore Pape, der Haus Müngsten gestaltet hat. "Für mich persönlich hat es einen ganz besonderen Stellenwert", sagt der Architekt aus Kassel, der sich 2008 in einem Wettbewerb gegen mehr als 300 andere Teilnehmer durchgesetzt hatte. Der Erfolg beim Wettbewerb und die spätere Umsetzung seien "wichtige Meilensteine" für das Architekturbüro gewesen, das erst im selben Jahr gegründet worden war.

Besuchern, die zum ersten Mal in den Brückenpark kommen, fällt zuerst das Rostbraun des Gebäudes auf. Der wetterfeste Baustahl, der sich auch auf dem Dach findet, ist eine Reminiszenz an die Brücke und "die industrielle Vorgeschichte" des Tals, erläutert Pape. "Natürlich ging es in erster Linie darum, einen nachhaltigen Baustoff zu verwenden, der langlebig ist und nicht der ständigen Wartung bedarf. Wichtig war mir aber vor allem die natürliche, sich verändernde Oberfläche im Zusammenspiel mit den Farben der umgebenden Natur." Auch sie durchlaufe einen ständigen Wandlungsprozess. Pape: "Rotbrauner Stahl verbindet Natur und Technik."

Beim Bauherren, dem Verein Lebenshilfe Solingen, ist man stolz auf die auch vom Bund Deutscher Architekten Bergisch Land ausgezeichnete Immobilie. "Haus Müngsten ist ein Vorzeigeobjekt", betont Prof. Dr. med. Susanne Schwalen, die dem Vorstand der Lebenshilfe vorsitzt. "Es ist ein ganz wesentlicher Anker im Brückenpark. Wenn die Stadt Solingen über Tourismus schreibt, finden sie als Illustration meistens dieses Gebäude."

Der Thekenbereich im Erdgeschoss des Gastronomiebereiches ist großzügig gestaltet worden. Die Küche ist im Untergeschoss angesiedelt - auf gleicher Höhe mit dem Terrassenbereich. FOTO: Dirk Krüll

Das Investitions- und Betreiberrisiko liegt aber nicht bei der Stadt, sondern der Lebenshilfe, die sich seit mehr als 50 Jahren für Menschen mit Behinderung engagiert. Der Gastronomiebetrieb in Haus Müngsten gehört zu den Integrationsunternehmen des Vereins. Zum Team der Betriebsleiterfamilie Groß zählen auch neun Frauen und Männer, die über die Lebenshilfe Zugang zum Arbeitsmarkt gefunden haben.

"Wir haben ein tolles Team", unterstreicht Sabine Groß, die mit ihrem Mann Klaus für die Lebenshilfe auch die Restauration in der Solinger Eissporthalle unterhält. "Seit Familie Groß im Januar 2016 übernommen hat, führt sie Haus Müngsten sehr erfolgreich", bestätigt Susanne Schwalen. Auch, weil das ursprüngliche Konzept geändert wurde. "Das fußte auf Laufkundschaft", erläutert die Medizinerin, die im Hauptberuf die Geschäfte der Ärztekammer Nordrhein führt. Die lässt sich aber - obwohl jedes Jahr etwa 300.000 Besucher in den Park kommen - sehr unregelmäßig sehen.

Wer in Haus Müngsten am Ufer der Wupper eine Rast einlegt, der kommt in erster Linie hierhin wegen des bergischen Wahrzeichens: Die Müngstener Brücke ist und bleibt der Star. FOTO: Kempner (Archiv)

Da gibt es zwar die Wochenenden im Sommer, "an denen wir Tische bis zur Schwebefähre aufstellen könnten", so Sabine Groß. Häufiger sind aber die stillen Tage. Deshalb setzt Haus Müngsten auf Feiern und Tagungen, Seminare und Konferenzen. Vier Räume von 65 bis 172 Quadratmetern stehen auf drei Etagen zur Verfügung: solche mit Wupper-, Panorama- und Naturblick sowie das "3Städte-Loft" im Dachgeschoss, ursprünglich eine Wohnung. "Wir heiraten in diesem Jahr 51 Mal", nennt die Betriebsleiterin einen Feieranlass. "Zur größten Hochzeit kamen 150 Gäste. Inzwischen sind auch freie Trauungen auf der Terrasse in der ersten Etage möglich."

Genutzt wird das Angebot nicht nur von bergischen Gästen. "Ich habe Bekannte aus Witten, die hier eine Konfirmation gefeiert haben", ergänzt Susanne Schwalen. Beliebt ist auch der Brunch an Wochenenden und Feiertagen. "Wer sonntags kommen will, sollte 14 Tage vorher reservieren", erklärt Sabine Groß. Im Preis von 14,90 Euro ist auch ein Begrüßungsgetränk eingeschlossen.

"Die funktionalen Räumlichkeiten wie Technik, Lager, Küche und Küchenvorbereitung wurden bewusst im Untergeschoss angeordnet, das mit dem terrassierten Gelände verschmilzt", erläutert Architekt Tore Pape. "Die unterschiedlichen gastronomischen Nutzungen haben wir so arrangiert, dass über große Fensteröffnungen der bestmögliche Bezug zur umgebenden Natur und zur Müngstener Brücke gegeben ist." Im Inneren nehme sich das Gebäude mit seinen schlichten Holz- und Sichtbetonoberflächen "wohltuend" zurück. Pape: "Die Brücke bleibt der Star. Das war uns ganz wichtig."

Die Müngstener Brücke steht seit 120 Jahren. Wie viele Jahre werden es für das "rostige" Haus Müngsten ? Eine Prognose gab es bei der bereits erwähnten Auszeichnung als vorbildlicher Bau des Landes Nordrhein-Westfalen: "Das Gastronomiegebäude ist eine vorbildliche und nachhaltige Bereicherung des . . . Landschaftsparks", urteilte die Jury. Der Fortbestand dürfte "aufgrund des sorgfältig ausgearbeiteten Betreiberkonzepts durch den Verein Lebenshilfe Solingen auch langfristig gesichert sein".

Quelle: RP
 
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