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Bergischer Hc
Alexander Oelze denkt über den Sport hinaus

Solingen. Der Mittelmann des Handball-Bundesligisten könnte sich vorstellen, Lehrer für Kinder mit geistiger Behinderung zu werden. Von Aus Volendam (Niederlande) Berichtet Georg Amend

Alexander Oelze ist ein Gefühlsmensch. Das ist nichts Schlechtes. Der Mittelmann des Handball-Bundesligisten Bergischer HC ist in der Regel ruhig, vor den Spielen introvertiert, mit Kopfhörern ganz in seine Musik versunken. Was er da in die Ohren kriegt, passt dabei so gar nicht zu seiner ruhigen Art: Es sind Stücke der härteren Gangart, Gitarren-lastig, Interpreten wie KoRn, Soulfly oder Slipknot. Auf dem Spielfeld kann Oelze dann diese Seite zeigen: kraftvoll, dynamisch, emotional. Oder aber die, dass er mit sich und seinen Fehlern hadert. Und es gibt den Spaßmacher abseits des Feldes, der um keinen flotten Spruch verlegen ist, der bei Verabschiedungen von Mitspielern die Lacher auf seiner Seite hat, oder der die "Humba" nach einem Sieg von der Tribüne aus anstimmt.

All das ist Alexander Oelze - und noch viel mehr.

Der gebürtige Magdeburger hat keine großen Erinnerungen an die DDR, in die er 1983 hineingeboren wurde. "Ich weiß nur noch, dass ich als kleines Kind mit fünf, sechs Jahren Geld von meinen Eltern bekommen habe, um mit ein paar Pfennig Brötchen zu kaufen. Den Rest weiß ich nur aus Erzählungen von meinen Eltern und Großeltern." Einen Aufbruch in den Westen gab es bei seiner Familie nach dem Mauerfall nicht. "Warum auch? Mein Vater war Lehrer, meine Mutter Kindergärtnerin. Sie hatten gute Jobs." Er wurde Handballer, spielte bis zum Jahr 2006 für den SC Magdeburg. So war die Partie mit dem BHC im Halbfinale des nationalen Pokalturniers in Hamburg gegen den SCM in der Vorsaison natürlich ein Highlight für Oelze. "Ich habe dahin immer noch ein paar Kontakte. Das ist meine Heimatstadt, mein Heimatverein. Das ist immer etwas Besonderes." Auf den Ausgang der Partie hat er mit den alten Kumpels aber nicht gewettet: "Ich habe noch nie gewettet. Ich halte da nichts von. Wenn ich Geld verlieren will, spiele ich Poker", sagt er und lächelt.

Von Magdeburg kam er 2006 zum BHC - es wäre eine ununterbrochene Liaison geworden, wenn der damalige Trainer Raimo Wilde ihm nicht 2009 klar gemacht hätte, dass er nicht auf ihn baute. So ging Oelze für ein halbes Jahr zum Zweitligisten Leichlinger TV, dann zum Erstligisten HBW Balingen-Weilstetten. 2010 holte ihn der BHC zurück. "Ich habe mich hier immer wohlgefühlt", erklärt der 1,88-Meter-Mann. "Es gab zwar auch Möglichkeiten, woanders hinzugehen, aber es waren jetzt auch nicht Kiel oder Barcelona, die angerufen haben", sagt er lächelnd. "Außerdem habe ich hier meinen Freundeskreis außerhalb des Handballs, und ich arbeite jetzt im fünften Jahr mit Seppel hier zusammen", ergänzt er mit Blick auf Trainer Sebastian Hinze. "Er hat mir immer das Gefühl gegeben, dass er auf mich setzt."

Dieses Vertrauen braucht er für sein Spiel wie die Ruhe davor. "Das hat sich in den Jahren so eingespielt. Ich brauche diese Zeit für mich, möchte und muss meine Musik hören, für mein Gefühl. Das hilft mir, mich zu konzentrieren." So introvetriert ist er dann auf dem Feld nicht. "Es gibt ja diese Spiele, wo ich ausraste - ich brauche halt meine Emotionen für mein Spiel. Sei es, dass ich mich über mich ärgere oder über einen Torerfolg freue." Mit Blick auf den eher stoischen Halblinken Fabian Gutbrod ergänzt Oelze schmunzelnd: "Wenn Guddi ein Tor macht oder ich - das ist schon ein Unterschied wie Tag und Nacht."

Zu Beginn der vergangenen Saison war er auf der Mitte quasi auf sich allein gestellt, da Viktor Szilágyi verletzt fehlte. Die Rolle als Alleinverantwortlicher schien ihn zu beflügeln, er traf unter anderem gegen Nettelstedt elf Mal, und wurde so zunächst zum besten Torschützen des BHC. Doch mit der Rückkehr von Szilágyi fiel Oelzes Formkurve. "Ich hatte da ja auch nicht mehr die gleichen Spielanteile. Als ich am Anfang allein auf der Position war, konnte man auch mal den einen oder anderen Fehler mehr machen. Aber als Viktor wieder da war, hat er in der Rückrunde sehr gut gespielt." Der Österreicher hat seine Karriere nun beendet - folglich müsste Oelze ja nun aufblühen. Der winkt aber ab: "Wenn das so einfach wäre. . . Ich habe ja jetzt genauso einen Konkurrenzkampf mit Tomás (Babák, neuer Mittelmann, Anm. d. Red.). Das heißt ja nicht, nur weil ich länger dabei und älter bin, dass ich mehr spiele. Das entscheidet der Trainer. Ich muss genauso um meine Position kämpfen wie vorher."

Oelzes Vertrag läuft noch bis 2018 mit Option auf ein weiteres Jahr. "Solange der Körper mitmacht", sagt der 32-Jährige und ergänzt mit Blick auf seine geschundene Achillessehne: "Es wird zwar täglich besser, aber ich bin auch keine 25 mehr." Das bedeutet, dass man sich langsam mit der Zeit nach dem Sport auseinandersetzt. Auf Oelzes rechtem Oberarm prangt eine Tätowierung mit mehreren Bedeutungen: Sein Sohn Mikkel ist darin verewigt, seine Mutter mit einer Rose, und sein bester Freund Jens-Peter Reinarz, der beim VfL Eintracht Hagen spielt. "Er hat dasselbe Tattoo an derselben Stelle", berichtet der BHC-Regisseur und erklärt die Kombination aus "AJ" (Alexander Jan) und "34" (die Addition der Rückennummern 15 von Oelze und 19 von Reinarz).

Was das Tattoo mit der beruflichen Zukunft zu tun hat? "Ich will es noch vergrößern, über die Schulter. Nach unten reicht es - falls ich noch einmal etwas Seriöses machen möchte", sagt Oelze lächelnd. Das soll dann entweder eine Arbeit im Bereich Marketing/Management des Vereins sein oder aber etwas ganz Anderes: "Ich habe eine Partnerschaft mit der Schule am Nordpark in Wuppertal für Kinder mit geistiger Behinderung", berichtet Oelze. "Ich habe da mit Guddi eine Woche lang mit den Kindern Handball gespielt. Der Vize-Direktor hat mir da erzählt, dass sie nur einen Sportlehrer haben. Das würde mich reizen, da als Quereinsteiger reinzugehen. In der einen Woche habe ich gemerkt, wie viel Spaß das den Kindern gemacht hat. Und die sind so offen und ehrlich - das gefällt mir."

Quelle: RP
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