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Bergischer Hc
Auge in Auge mit Björgvin Gustavsson

Bergischer Hc: Auge in Auge mit Björgvin Gustavsson
Vor dem ersten Wurf: BHC-Torwart Björgvin Gustavsson scheint Morgenpost-Sportchef Georg Amend (links) beim Siebenmeter nicht ganz ernst zu nehmen. Der folgende Heber ist drin. FOTO: Martin Kempner
Solingen. Wie schwer ist es, gegen Islands Nationaltorwart im Kasten des Handball-Bundesligisten Bergischer HC einen Siebenmeter zu versenken? Von Georg Amend

Ich habe nicht gut geschlafen. Ich bin jetzt 35 und habe eigentlich überhaupt keinen Grund, nervös zu sein. Aber ich bin es. So oft bekommt man als inzwischen in der Landesliga nur noch als Stand-by-Spieler aktiver Handballer nun auch nicht die Chance, gegen einen Bundesliga-Torwart anzutreten, der zudem noch Islands Nationaltorwart ist und kurz vor zwei Länderspielen gegen Norwegen (Ergebnisse: 27:34 und 25:29) steht. Ich habe zwar auch schon mal gegen Peter Gentzel - die Älteren werden sich an Schwedens Ex-Nationalkeeper in Diensten der damaligen HSG Nordhorn erinnern - zwei Tore geworfen, aber das ist Jahre her, war in einem Jux-Spiel.

Okay, diesmal ist es auch nicht bierernst, aber es geht immerhin um Bier. Ich habe Björgvin Gustavsson, Schlussmann des Bergischen HC, folgendes Angebot gemacht: "Ich werfe sechs Siebenmeter gegen dich, wenn du vier hältst, kriegt die Mannschaft eine Kiste Bier." Der Isländer grinst und nimmt an. Ab da bekomme ich feuchte Hände.

Unter anderem Uwe Gensheimer vergab im Spiel bei den Rhein-Neckar Löwen gegen Björgvin Gustavsson. Er scheiterte an der rechten Hand. FOTO: Imago (Archiv)

Die Ausgangslage für dieses Angebot: Gustavsson hat in den letzten BHC-Spielen überragende Leistungen geboten, war so ein Garant für die beiden Siege gegen Lemgo und Hannover, und auch bei der Niederlage bei Tabellenführer Rhein-Neckar Löwen hat der 30-Jährige geglänzt. Unter anderem hat er drei Siebenmeter gehalten. Ich will nun erklären, was es für den Schützen so schwer macht, gegen den 1,93-Meter-Mann zu treffen. Dafür muss ich selbst an die Linie - wo ich mich aller Voraussicht nach vor den Augen der versammelten BHC-Profis bis auf die Knochen blamieren werde.

Eigentlich wollte ich mir noch Tipps von Christian Hoße und Arnor Gunnarsson, den Siebenmeter-Schützen des BHC, holen, aber das hat nicht geklappt. Mein Trainer hat mir geraten, ich soll beim Wurf antäuschen, voll durchziehen, dann würde sich der Keeper für eine Ecke entscheiden und ich könnte die andere nehmen. Die Vorstellung, wie mir bei der allerersten Wurftäuschung der Ball aus den Händen rutscht und ins Seitenaus kullert, hat mich aber dazu gebracht, diesen Rat zu ignorieren. Eine sehr gute Freundin hat mir am Abend vorher Mut zugesprochen - ich würde drei von sechs Versuchen verwandeln, allerdings nicht den ersten, denn da sei ich noch zu nervös.

Der dritte Versuch - der Keeper entscheidet sich für die falsche Ecke. FOTO: Kempner, Martin (mak)

Das bin ich tags darauf in der Halle tatsächlich. "Fangen wir an?", fragt Björgi. "Klar, wenn du soweit bist." Der Torwart grinst. Er weiß genau - er ist es, ich eher nicht. Auf dem Weg zum Tor und zur weißen Siebenmeter-Markierung prelle ich den Ball ein paar Mal, spüre das Harz an der Hand, und plötzlich fühlt sich alles wie immer an, wenn ich in einer Halle bin. Björgi will meinen Ball mal kurz haben, prellt selbst, wirft ihn in die Luft, fängt ihn wieder auf. "Zu hart?", frage ich. "Nein", sagt er schmunzelnd.

Ich stelle mich an die Siebenmeterlinie, Björgi kommt ein ganzes Stück aus seinem Kasten, jedoch nicht ganz bis zur Fünf-Meter-Markierung, bis zu der er theoretisch herauskommen dürfte. Wie er da so steht, aufrecht, die Arme gerade so weit ausgestreckt, dass man seine enorme Spannweite erahnen, aber nicht genau erkennen kann - da merkt man erst, wie klein so ein Tor von hier doch aussehen kann. Björgi simuliert mit den Lippen einen Siebenmeterpfiff. Es geht los. Während ich noch überlege, was ich machen soll, habe ich schon ausgeholt und den Keeper mit einem Heber überrascht - 1:0. Der Lohn: Ein anerkennendes Nicken meines Gegenüber und das komplette Verschwinden meiner Nervosität. Der erste Wurf drin, das geht ja gut los.

Den zweiten Wurf, links unten, hält Gustavsson mit der rechten Hand. FOTO: Kempner, Martin (mak)

Vor Versuch Nummer zwei stellt sich Björgi von mir aus gesehen ziemlich weit rechts auf. Mir ist klar: Er bietet mir die linke Ecke förmlich an, das muss eine Falle sein. Aber so schnell kann er nicht sein. Harter Wurf nach links unten - doch, er ist so schnell. . . 1:1.

Jetzt steht der Isländer wieder in der Mitte, zu weit draußen, als dass ich meinem eigentlichen Lieblingswurf - von mir aus gesehen rechts oben in den Winkel - vertrauen würde. Also mal was anderes. Zwar wieder links unten, diesmal aber mit Effet, den Ball leicht über das Handgelenk abrollen lassen. Der Keeper geht in die andere Ecke - 2:1. "Komm' schon Björgi, es geht um Bier." Dieser Übermut rächt sich.

Versuch Nummer vier: Heber, der Isländer pflückt die Kugel herunter. Versuch Nummer fünf: rechts unten - Fuß und Hand des Keepers verhindern den Treffer. An die dämliche Kiste Bier denke ich schon lange nicht mehr, es geht nur noch darum, nicht zu verlieren. Der letzte Versuch: noch einmal den mit dem Effet unten links, er geht am Standbein vorbei, drin, 3:3. Ich werde das Gefühl nicht los, dass Björgi genau wusste, dass dieser Wurf kommen würde, und vielleicht nicht alles daran gesetzt hat, diesen Ball zu parieren. Wir trennen uns mit einem Unentschieden, klatschen grinsend ab, und mir bleibt die Erkenntnis: Ich war zwar ein Mal Auge in Auge mit Björgvin Gustavsson, aber sicherlich nie auf Augenhöhe.

Quelle: RP
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