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Bergischer HC
Der Wahnsinn von Wetzlar

Bergischer HC: Der Wahnsinn von Wetzlar
Als wäre er nie weggewesen: Der eigentliche Sportliche Leiter des BHC, Viktor Szilágyi, hat den BHC zum 22:20-Sieg in Wetzlar geführt. FOTO: Jan Hübner
Solingen. Die Rumpftruppe des BHC fährt mit dem reaktivierten Viktor Szilágyi sensationell ihren ersten Saisonsieg ein. Von Georg Amend

Es sind solche Situationen, die zeigen, wie wertvoll Erfahrung ist: Es läuft die 42. Minute der Partie der Handball-Bundesliga zwischen der HSG Wetzlar und dem Bergischen HC, die Gäste sind im Angriff, Viktor Szilágyi treibt den Ball und wird von Philipp Weber festgemacht. Der 24-Jährige hält den reaktivierten Sportlichen Leiter des BHC länger als nötig fest, der Österreicher guckt irritiert, wird zu Boden gebracht, und Weber rennt zum Wechsel. Szilágyi erkennt die Situation, winkt, lässt sich den Ball geben, macht Druck und räumt für rechtsaußen ab, wo Arnor Gunnarsson das 13:13 erzielt. Die Abgezocktheit des 38-Jährigen hat sich ausgezahlt.

Und beileibe nicht nur in dieser Szene ist die aus der personellen Not geborene Maßnahme, Szilágyi wieder auf das Spielfeld zu schicken, voll aufgegangen. Der Ex-Kapitän ist überall auf dem Feld zu finden, im Gegensatz zu früher auch in der Abwehr. Und vorne bleibt er eine Klasse für sich. Auch wenn ihm ein paar Fehlwürfe unterlaufen, am Ende ist er mit sieben Treffern bester Feldtorschütze beider Mannschaften und hat mit seinen Anspielen und Finten Wetzlar so irritiert, dass der BHC mit dem 22:20 (8:9) den ersten Saisonsieg feiert und den letzten Tabellenplatz verlässt. Mit der Rumpftruppe ist das Wahnsinn.

Szilágyi ist neben Björgvin Gustavsson, der nach der Pause zum großen Rückhalt im Tor wird, zwar der entscheidende Mann des Spiels, den sensationellen Sieg ohne fünf verletzte Rückraumspieler hat aber das Kollektiv eingefahren. Angefangen bei Trainer Sebastian Hinze, dessen Konzept in allen Phasen voll aufgeht. "Wir hatten einen geilen Plan", fasst Gustavsson zusammen und schickt ein "Riesenkompliment an den Trainer" und "natürlich an den Sportlichen Leiter. Den einzigen in der Liga, der das kann". Spiele entscheiden, nämlich. Über allem steht aber die Teamleistung, in der alle meist diszipliniert ihre Aufgabe erfüllt haben. "Ohne fünf Rückraumspieler so eine Sensation zu schaffen, nach so einer Leistung - das ist krank, das muss man echt so sagen", findet Gustavsson grinsend.

Auch Hinze nimmt das Wort "Sensation" später in den Mund. "Das sind Punkte, mit denen wir nicht rechnen konnten. Das geht nur, wenn alle ihren Part erfüllen. Ich bin unfassbar stolz auf die Jungs." So gingen seine taktischen Mittel auf, die Hinze unter anderem so beschrieb: "Wir hatten uns vorgenommen, sehr lange im Spiel zu bleiben, umso größer würde der Druck für Wetzlar. Deswegen haben wir sehr, sehr lange Angriffe gefahren, um dann mit unserem kleinen, spielstarken Angriff zuzuschlagen. Uns war klar, wir haben nur eine Chance, wenn Tempo keine Rolle spielt." Nach dem 8:12-Rückstand nach der Pause habe er zwar "früher als geplant in den siebten Feldspieler gehen" müssen, das sei "aber sehr effektiv" gewesen. Zudem sei Gustavsson mit einem gehaltenen Siebenmeter und zwei gefangenen Bällen zum Faktor geworden.

Hinzes Gegenüber, Kai Wandschneider, nannte die Analyse treffend und berichtete aus seiner Sicht: "Der BHC war stark ersatzgeschwächt und hat den unverwüstlichen Viktor Szilágyi aufgeboten. Für uns war klar, wir mussten das Spiel gewinnen. Dass wir es nicht geschafft haben, ist ein herber Rückschlag für uns." Mit Blick auf Hinzes taktische Mittel des siebten Feldspielers meinte Wandschneider: "Bei uns war klar, dass wir dann die Außen werfen lassen, aber dann hat Viktor Szilágyi seine Kreise gezogen. Mit seinen Würfen oder Schlagwurf-Täuschungen hat er unseren Innenblock genarrt. Dann wurde der Druck immer größer."

Szilágyi, der auf dem Podium als Sportlicher Leiter und Spieler vorgestellt worden war, sagte: "Ich bin sehr glücklich. Die vergangene Woche war unglaublich schwer. Einen großen Dank an die BHC-Fans, die hier in die Halle gekommen sind. Es gab viele, die an uns geglaubt haben." Zu dem Fehlen von fünf Rückraumspielern sagte Szilágyi: "Bei der taktischen Besprechung haben wir kein Wort verloren über die Situation, sondern nur darüber gesprochen, was wir hier holen wollen. Ich glaube, dass das, was wir hier erlebt haben, wichtiger ist als zwei Punkte. So ein Erlebnis kann unbezahlbar sein für die Saison."

Sein Comeback war nach dem Ausfall von Maximilian Hermann (Magen-Darm-Entzündung) am Donnerstagabend in der Geschäftsstelle mit ihm, Hinze, Geschäftsführer Philipp Tychy und Beirat Jörg Föste entschieden worden. "Wir haben gesagt, dass einer von uns spielen soll. Es war irgendwie logisch, dass die Wahl da auf mich fällt", sagte Szilágyi grinsend. Ob es mit ihm als Spieler weitergeht, ließ er weitgehend offen: "Das war eine Entscheidung für dieses eine Spiel." Ergänzend: "Es gibt ein Spiel, da ist nichts relevant - das war dieses. Alle haben vollsten Einsatz gezeigt. Das heute war eine einmalige Geschichte und unser Tag, aber nächsten Samstag ist eine ganz andere Geschichte." Dann kommt GWD Minden.

Quelle: RP
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