| 00.00 Uhr

Bergischer HC
Mo - der Menschenfänger

Solingen. Kreisläufer Moritz Preuss hat sich vor der neuen Saison in Form gebracht: Fast acht Kilo Muskelmasse hat er zugelegt. Von Aus Volendam (Niederlande) Berichtet Georg Amend

Die Seitwärtsbewegung fällt mit kleinen Schritten schnell aus, in Position verharrt er auf den Zehenspitzen, fokussiert seinen Gegner - und stürzt sich mit zwei, drei kleinen, schnellen Schritten förmlich auf ihn, die linke Hand geht in den Wurfarm, die rechte um den Körper. Es ist eine regelrechte Bärenumarmung, die den Kontrahenten nahezu bewegungsunfähig macht. Moritz Preuss ist in der Abwehr des Handball-Bundesligisten Bergischer HC ein echter Menschenfänger. Nicht im biblischen Sinne mit Worten, sondern im körperlichen, mit seinen Armen. "Gut, so, Mo", ruft Trainer Sebastian Hinze.

Maximilian Weiß, der seine Karriere beim BHC nach der abgelaufenen Saison beendet hat, hatte über seinen Kreisläufer-Kollegen mal gesagt: "Er hat noch bessere körperliche Voraussetzungen als ich in dem Alter." Und das sieht man bei dem 21-Jährigen nun ganz deutlich. Denn Preuss hat sich ordentlich Muskelmasse auf den zuvor auch nicht gerade zierlichen Körper gepackt. Inzwischen wiegt er 110 Kilogramm bei einer Körperlänge von 1,94 Metern. Wer einen Beweis benötigt, dass ein "Body-Mass-Index" längst nicht alles über den körperlichen Zustand aussagt, muss sich nur den BHC-Kreisläufer angucken. Er ist der fitteste "Mo" aller Zeiten. "Körperlich auf jeden Fall", meint Preuss. "Spielerisch muss noch was dazukommen. Aber das ist normal nach so einer langen Pause. Jetzt geht es ja mit den Testspielen richtig los, da wird man sehen, woran wir vermehrt arbeiten müssen."

Zunächst einmal hat er an sich gearbeitet. "Als ich vor zwei Jahren zum BHC gekommen bin, stand glaube ich 107 Kilo auf meiner Autogrammkarte", erinnert sich Preuss. Doch er verlor Masse. "Nach der Junioren-WM in Brasilien letztes Jahr im Januar hatte ich nur noch 100, 101 Kilo. Und im März, April waren es nur noch 98. Da habe ich von vielen - von meinen Eltern oder auch aus dem Verein - gehört, dass ich abgenommen hätte. Das war mir überhaupt nicht bewusst, ich habe mich nicht schlecht gefühlt. Aber mir ist dann klar geworden, dass das zu wenig ist. Auf meiner Position sind 98 Kilo einfacher wegzuschieben als 110. So einfach ist das."

Zum Finalturnier um den nationalen Pokal Ende April in Hamburg hatte Preuss dann wieder "102, 103 Kilo". Trainer Hinze empfahl ihm vor der Pause, noch ein, zwei Kilo zuzulegen. "Das habe ich mir zu Herzen genommen. Es sind sogar ein paar mehr geworden", sagt der Kreisläufer schmunzelnd. Zum einen schraubte er an der Ernährung. "Ich habe über den Hunger gegessen. Nicht so, dass mir schlecht war, aber dass es zu jeder Mahlzeit noch etwas extra gab. Das waren dann sieben, acht Mahlzeiten am Tag. Frühstück, Mittag- und Abendessen sind drei, dazwischen dann Quark mit Nüssen und Honig, nur Nüsse, Pancakes. Gerade ich muss darauf achten, dass ich abends nicht auf Kohlehydrate verzichte. Ich muss mich gesund ernähren mit viel Kohlehydraten und Eiweiß."

Dass er über Ernährung gut Bescheid weiß, verdankt er seiner Mutter Andrea - sie ist Öko-Trophologin. "Da habe ich von zu Hause viel mitgenommen", sagt Preuss und ergänzt mit Blick auf seine Teamkollegen Jan Artmann und Fabian Gutbrod: "Es hat mir geholfen, dass ich mit Jan und Fabian abends gekocht habe. Als ich nach Solingen gekommen bin, konnte ich gerade mal Rührei. Und ich bin mit einem Kochbuch zu Aldi gegangen, um die richtigen Sachen zu kaufen. Kochtechnisch konnte ich da keine Frau beglücken", sagt Preuss und lacht.

Essen alleine half natürlich nicht beim Aufbau des kräftigen Körpers. "Wenn ich fünf, sechs Wochen nur fresse, sehe ich nicht so aus, wie der Trainer das will", sagt der Kreisläufer grinsend. "Ich habe also viel trainiert. Da ich keine Freundin habe, war ich nicht gezwungen, zwei Wochen irgendwohin in Urlaub zu fahren. Ich war zwar im Urlaub, habe aber auch einfach viel trainiert. Jeden Tag. Meistens war es so, dass ich montags die Beine gemacht habe, dienstags den Oberkörper und mittwochs laufen gegangen bin. Das hat sich dann wiederholt."

Das behielt er großteils im Urlaub bei, in der einen Woche in Portugal traf er zufällig seinen Sportlichen Leiter Viktor Szilágyi, und in der einen Woche in Österreich mit seiner Familie spielte er Golf in Kitzbühel. Wie ein klassischer Golfer sieht das Muskelpaket nun zwar nicht aus, aber Preuss erklärt: "Mein Stiefvater ist Golf-Profi und arbeitet auch bei der PGA." Damit ist die Profi-Vereinigung der Golfer gemeint. "Er hat selber einen Golfplatz, und als ich noch in Worringen gewohnt habe, haben wir da viel gespielt. Ich bin auch Mitglied im GC Haan-Düsseltal. Auf Turniere kann ich leider nicht, weil die Golf-Saison und die Handball-Saison parallel laufen. Daher liegt mein Handicap bei 54." Kurze Pause und die ergänzende Einschätzung: "Ich glaube aber, es gibt unterschiedliche 54er-Spieler."

Die Golf-Karriere darf auch noch warten, denn die im Handball hat ja gerade erst so richtig begonnen. "Ich habe noch lange nicht ausgelernt", betont Preuss. "Ich bin seit zwei Jahren in der Bundesliga und lerne in jedem Training dazu. Ich freue mich über jede Info, die ich von erfahrenen Spielern aufschnappen kann." Sein Positionskonkurrent Uros Vilovski ist mit seinen 32 Jahren genau so einer. "Von ihm kann ich ganz viel lernen. Er ist unglaublich erfahren, erkennt Situationen schnell und weiß dann, wie er stehen muss. Und er verarbeitet die Bälle gut." Im Trainingslager teilen sich die beiden Konkurrenten ein Zimmer. "Der Kontakt wird mehr und mehr, wir kommunizieren schon gut", sagt Preuss über den Serben, der auch die ungarische Nationalität besitzt. "Ich freue mich auf eine gute Zusammenarbeit mit ihm. Wir lernen einander seit einer Woche immer mehr kennen, und ich bin zu einhundert Prozent davon überzeugt, dass wir zusammen sehr, sehr gut agieren werden."

Das Ziel mit dem BHC ist klar: Klassenerhalt. Persönlich will sich Preuss zudem für die Nationalmannschaft empfehlen. Als Mitglied der Eliteförderung des Deutschen Handball-Bundes hat ihn der Verband natürlich auf dem Zettel - nicht erst seit seinem Wahnsinnsspiel bei der Junioren-WM, als er gegen Weißrussland 17 Tore erzielte. Dass das aber noch nicht zur Nationalmannschaftskarriere bei den Senioren reicht, ist klar. "Mein Ziel ist, immer alles zu geben, dass ich in der Nationalmannschaft spielen darf. Und ich freue mich auf den Tag, wenn es so weit sein wird", sagt Preuss. Bis dahin wird er weiter mit seiner Bärenumarmung Menschen fangen und sich mit Masse am Kreis durchsetzen, um Tore zu werfen.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Bergischer HC: Mo - der Menschenfänger


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.