| 00.00 Uhr

Solingen
Sprechen als Befreiung

Solingen. Der Solinger Dieter G. hat von 1976 bis 1979 die Odenwaldschule besucht. Auch er wurde im Internat bei Heppenheim von Lehrern sexuell missbraucht – bis ihn seine Eltern von der Schule nahmen. Von Michael Tesch

Nachhaltigkeit, erklärt Dieter G. im Gespräch, sei ihm sehr wichtig: "Ich will, dass man in fünf Jahren noch darüber spricht und sich auch in Zukunft mit dem Thema Missbrauch an Kindern und Jugendlichen weiter öffentlich auseinandersetzt." Deshalb engagiert sich der 45-jährige Solinger intensiv bei der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle an seiner ehemaligen Schule – der Odenwaldschule. Hier wurden zwischen den 60er und frühen 80er Jahren systematisch Kinder und Jugendliche von Lehrern missbraucht. Von mehr als 50 missbrauchten Schülern geht ein erster Bericht der von der Odenwaldschule gegründeten "Wahrheits-Kommission" aus.

Von 1976 bis 1979 besuchte Dieter G. die Reformschule bei Heppenheim. Wie viele seiner Mitschüler wurde Dieter G. missbraucht und vergewaltigt, auch vom damaligen, kürzlich verstorbenen Schulleiter Gerold Becker. Der Solinger war neun, als er das erste Mal sexuell missbraucht wurde.

"Alle acht bis zehn Tage musste ich anschließend mit meinem Erzieher ins Bett", erzählt Dieter G. 1979 nahmen die Eltern ihn vom Internat. "Sie hatten wohl einen Hinweis erhalten, dass es an der Schule zu sexuellen Übergriffen kommt." Als Grund nannten die Eltern damals finanzielle Gründe. "Daraufhin wollte die Schule mir sogar ein Stipendium geben. Aber meine Eltern sind hart geblieben und haben mich von der Schule genommen." Sprechen konnte Dieter D. mit Vater und Mutter nicht über die Vorfälle in der Schule. Erst mit 28 Jahren, nach einem Nervenzusammenbruch auf der Arbeit, schaffte es Dieter G., seiner Großmutter von den Übergriffen im Internat zu erzählen. "Bis zu dem Nervenzusammenbruch hatte ich alle Gedanken daran weggearbeitet." Auf Bestreben der Großeltern habe man über eine Anzeige nachgedacht. "Die wurde aber schnell wieder fallengelassen, aufgrund der Verjährung, die damals schon eingetreten war." Auch ein späterer zweiter Versuch einer Aufarbeitung der Vorfälle scheiterte bereits im Ansatz. "Man sagte mir damals, dass ich nach einer Anzeige mit vielen Verleumdungsklagen rechnen müsse."

Für den Solinger begann mit Ende 20 die lange Zeit der Therapien und eines sechsmonatigen Klinikaufenthalts. "Ich habe es als Befreiung angesehen, endlich darüber reden zu können." Mittlerweile hat Dieter G. seine medizinische Behandlung abgeschlossen. Seit einigen Jahren kann er "nach einem langen, holprigen Weg" endlich einer geregelten Arbeit als Architekt nachgehen. "Ich habe es geschafft, mit dem Thema zu leben und umzugehen."

Nachdem bereits Anfang der 90er Jahre Missbrauchsvorwürfe an der Odenwaldschule bekanntwurden, wegen Verjährung aber strafrechtlich nicht verfolgt wurden, forderten Betroffene im Vorfeld der Feiern zum 100. Gründungsjubiläum der Schule von der neuen Schulleiterin Margarita Kaufmann eine intensive Aufarbeitung der Vorkommnisse am Internat. Im Frühjahr 2009 kam es dann zu den sogenannten Frankfurter Gesprächen zwischen Ex-Schülern und Vertretern der Schule unter Moderation eines Psychologen. Sie machten auch Dieter G. Mut zu einem dritten Anlauf der persönlichen Aufarbeitung. "Ich bin zu Margarita Kaufmann gefahren und habe ihr alles erzählt. Ich habe dabei schnell erkannt, dass es ihr ernst ist mit der Aufklärung."

Ein Kunstprojekt

Kaufmann machte dem Solinger Architekten den Vorschlag, für die Ausstellung zum 100. Geburtstag der Schule ein Haus zu bauen. So entstand in Zusammenarbeit mit den Solinger Künstlern Bernd Benz, Elke Bojarski und Stephan Haeger das Kunstprojekt "Die Tränen des Knaben". Eine Installation bestehend aus einem stilisierten Modell des Herder-Hauses der Odenwaldschule – in diesem hatte Dieter G. gelebt – und einem Hörspiel, für welches Holtappel die Texte geschrieben hat.

Bis heute fällt es dem Solinger sehr schwer, eine feste Beziehung zu Frauen einzugehen. "Die drei Jahre an der Odenwaldschule haben nachhaltig mein ganzes Leben verändert, zerstört und verdreht."

Quelle: RP
 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Solingen: Sprechen als Befreiung


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.