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Solingen
Staatsanwalt kennt sich aus in der Jugendszene

Solingen. Auf dem Schreibtisch in dem kleinen Büro im dritten Stock der Wuppertaler Staatsanwaltschaft stapeln sich Akten. Aber für Kai Cursiefen sind die Kladden nicht bloß anonymes Papier. Seit Oktober ist der 31-jährige Jurist nämlich als Staatsanwalt für den Ort sozusagen der Experte bei seiner Behörde, wenn es darum geht, straffällig gewordene Jugendliche anzuklagen. Und wenn sich der Rheinländer auch einen professionellen Blick auf die einzelnen Fälle bewahren muss, so sind ihm die jungen Männer und Frauen, mit denen er zu tun hat, nicht egal. "Es freut mich, wenn ich sehe, dass jemand zum Beispiel die Chance einer Bewährung nutzt", erklärt Cursiefen. Von Martin Oberpriller

Das Projekt "Staatsanwalt für den Ort" gibt es für die Klingenstadt seit rund eineinhalb Jahren. Ziel ist, jungen Kriminellen schneller die Folgen ihrer Verfehlungen vor Augen zu führen. "Man muss sich um die Jugendlichen kümmern", sagt Cursiefen, der als zuständiger Ankläger regelmäßig zu Verfahren ans Solinger Amtsgericht kommt und betont, dass das Jugendstrafrecht entgegen der landläufigen Meinung für die Betroffenen durchaus unangenehmer sein kann als das Erwachsenenstrafrecht. Denn bei Jugendlichen steht vor allem der Erziehungsgedanke im Vordergrund. Und der sieht zum Beispiel auch die Verhängung eines Arrestes vor, der für manchen eine nachhaltigere Erfahrung darstellt als eine juristisch natürlich viel weitreichendere Bestrafung, die zur Bewährung ausgesetzt wird.

Der berühmte Schuss vor den Bug also, der durch das Projekt "Staatsanwalt für den Ort" durchaus an Durchschlagskraft gewinnen kann. So stieg die Zahl der Prozesse am Jugendschöffengericht, wie es es die jetzt vorgestellte Statistik für den Bezirk des Landgerichts Wuppertal ausweist, im vergangenen Jahr spürbar. Und das wiederum kann ein Indiz dafür sein, dass das Tempo der Strafverfolgung mit der Tätigkeit Cursiefens sowie seiner Vorgängerin Christa Kreutzer stieg.

Keine Insel der Seligen

Dabei ist Solingen, obwohl im Vergleich zu den Metropolen in Sachen Jugendkriminalität eher noch harmlos, selbst auch keine Inseln der Seligen mehr. Es gibt neuralgische Punkte, an denen sich die Straftaten häufen. Zum Beispiel am Graf-Willhem-Platz, was für Kai Cursiefen aber keine allzu große Überraschung darstellt, da hier am Solinger Busbahnhof viele junge Leute tagtäglich zusammen kommen, die naturgemäß auf den ÖPNV angewiesen sind.

Umso wichtiger erscheint es da, dass sich auch die "Gegenseite" regelmäßig trifft. Staatsanwalt Cursiefen steht in engem Kontakt mit Polizei, Jugendgerichtshilfe, Gericht sowie Bewährungshelfern. Auch wenn er nicht immer persönlich bei den Verfahren anwesend ist, so kennt er die Szene genau und weiß, dass es sich lohnt, den Jugendlichen ihre Grenzen aufzuzeigen, bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist. Denn Täter, die keine Täter mehr sind, suchen sich auch keine Opfer mehr.

Quelle: RP
 
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