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Leben & Lernen
Erinnerungen an die Zeit im Mädchen-Lyzeum

Solingen. Vor 50 Jahren wehte in den Klassenzimmern der heutigen Geschwister-Scholl-Gesamtschule ein anderer Wind. "Es war ursprünglich ein Mädchengymnasium", erzählt Gudrun Stock. "zu unserer Zeit gab es hier noch keine Jungs."

"Schade, schade", wirft da Hanna Illing ein, und Brigitte Seiffert fügt hinzu: "Die Jungs wurden vehement vom Schulhof und vom Zaun ferngehalten." Die drei Damen haben sich im Haus Gravenberg eingefunden, wo die Abiturklasse von 1966 ihr Jubiläum feiert: 50 Jahre Abitur Geschwister-Scholl-Schule. Doch nicht nur die Schüler waren allesamt Mädchen, auch die Lehrer waren zumeist Frauen. "Unverheiratete Frauen", stellt Gudrun Stock klar. Und wenn dann doch einmal ein Referendar unterrichten musste, so hatte er es nicht gerade einfach. So wie der junge Lateinreferendar. "Wir haben einen Deal mit ihm gemacht", verrät Brigitte Seiffert. "Er gibt uns keine Hausaufgaben, und wir sind dafür still."

19 Schülerinnen stark war die Abiturklasse, die ein Kurzschuljahr absolvieren musste. "Das bedeutet, dass wir den Stoff von 13 Jahren in zwölfeinhalb Jahren lernen mussten", erklärt Gisela Bader-Schnittert. Doch das wollten sich die Mädchen nicht gefallen lassen. "Wir haben den Kultusminister angerufen", erzählt sie weiter. "Und der kam." Allerdings hatten die Schülerinnen die Schulleitung nicht informiert. So fuhr der Kultusminister auf den Schulhof und wurde schnurstracks in die Abiturklasse geführt. "Wir haben ihm das dann so erzählt", sagt Bader-Schnittert. "Das ist keine höhere Bildung, wenn uns der Stoff mit dem Nürnberger Trichter eingetrichtert wird." Der Kultusminister hörte zu und veranlasste die Reduzierung des Lernstoffs. "Das war unser letzter Streich", meint Gisela Bader-Schnittert schmunzelnd.

Obwohl alles streng zuging, haben die Mädchen mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg gehalten. Auch die Abiturrede fiel alles andere als hochgebildet und intellektuell aus. Zusätzlich zur strikten Trennung von allem, was männlich war, galt auch eine strenge Kleiderordnung. Damals trugen alle schwarze Kostüme. "Aber zu diesem Abitur hat es zum ersten Mal eine Lehrerin gewagt, in einem weißen Kostüm zu erscheinen", erinnert sich Gudrun Stock. Eine Sensation.

Am 3. November 1966 absolvierten die Mädchen ihr Abitur, und am 4. November ging es sofort weiter mit dem Studium. Keine Zeit für Urlaub, Auszeit oder Faulenzen. Sie haben es mit Fassung getragen. Noch heute halten sie Kontakt, und zum Jubiläumstreffen haben sich zwölf ehemalige Abiturientinnen angemeldet. Nur, dass die heutige Geschwister-Scholl-Schule keinerlei Unterlagen mehr über das Mädchen-Lyzeum hat, das finden alle schade. "Es ist, als hätte es uns nie gegeben", meint Bader-Schnittert.

SANDRA GRÜNWALD

Quelle: RP
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