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Bühne
Schräger Singsang der Sirenen

Solingen. Homers Sirene, ein Mischwesen aus Frau und Vogel, lockte mit ihren Gesang Fischer in den Tod. In James Joyces Jahrhundertroman "Ulysses" begegnet der Anzeigenakquisiteur Leopold Bloom am 16. Juni 1904 bei seinem Gang durch Dublin den Irrfahrten des Odysseus wieder - transformiert in die Komplexität moderner Zeiten. Die Sirenenepisode ist das wohl komplexeste des gesamten Werks. Mit einer in Bilder, Assoziationen und Gedanken aufgelösten Sprache folgt das gesamte Geschehen einem szenisch fragmentierten, collagenhaften "Bewusstseinsstrom". Die Sirenen sind nun Bardamen, denen Bloom kurz vor 16 Uhr in der Ormondbar begegnet, nebst Blaze Boylan, der eine Liasion mit seinem Weib hat, und anderen schrägen Gestalten, die saufen, rauchen, schwadronieren und musizieren.

Die gesamte Sirenen-Episode sank nun, als verstörend-magisches zweistündiges Wortkunstfaszinosum und zum Auftakt des Gastspiels des Taschenoperfestivals Salzburg am 18. Juni herab auf die Gäste der Lesung im Kleinen Konzertsaal. Halt gab ihnen, nebst einer Einführung von Regisseur Thierry Bruehl und dem erläuternden Programmheft, vor allem der Rezitator selbst - Christian Brückner.

Brückners sonores Organ, das in 40 Jahren fast den gesamten Robert de Niro synchronisierte, brachte durch seine ausdrucksstarke stimmliche Flexibilität und Musikalität eine gewisse Ordnung, ein szenisch-künstlerisches Ostinato in das Gewirr der Stimmen. "Bronze bei Gold hörte die Hufeisen, stahlklingend" lässt er den Auftakt geheimnisvoll wie eine Ouvertüre ertönen und lässt sich dann mit Virtuosität ein auf die ineinander verschränkten Ebenen des Textes, deklamiert, raunzt, klagt, albert, fährt, als zöge er das Tremolando eines ganzen Streichorchesters aus der Westentasche, auf zu einem mächtigen crescendo, das dann wieder im Gesäusel verebbt, macht deklamatorische Pausen, ist mal staccato, mal triumphal, dann wieder nonchalant, und kann dann aber auch, wenn der Text wie zufällig auf einer realen Ebene ankommt, nach Kneipenmanier in den Stammtischton verfallen. "Die Frau spielte samstags Klavier im Kaffee-Palast für ein läppisches Entgelt, und wer hat mir noch geflüstert, sie hätte's auch mit dem andern Geschäft? Entsinnst du dich?"

Die Süffisanz des Textes, den pikanten Unterton, nimmt Brückner gerne mit, stets auf der Suche nach neuen, sich jäh auftuenden Verbindungen. Und so ausgefeilt sein Vortrag auch ist, so lässt er ihm stets Freiraum für Improvisation. Auch Körpersprache setzt er ein, aber nicht beliebig, sondern da, wo es Sinn macht, gestikuliert, verschränkt die Arme, formt den kunstvoll geschliffenen Satz mit den Händen mit, und so löst er den Text, der auch eine Befreiung aus normativen Beschränkungen sein will, aus allen Zwängen selbst des Textseins. Und machte die Lesung auch für die zum Erlebnis, die weder Joyce-Jünger noch Kenner moderner Literatur sind. Und nicht jede Nuance der fragmentierten Sprach- und Wortalchemie nachvollziehen konnten. Und sicher, in den wunderbaren pianissimo-Passagen war in den hinteren Reihen nicht immer alles zu verstehen. Das war ein kleines Manko. Aber vielleicht sollte man das auch nicht. Ein wenig mythisches Geheimnis darf bleiben. Es hat Appetit gemacht auf die Musiktheater-Performances des Taschenopernfestivals, das sich am Samstag um 19.30 Uhr noch einmal den "Sirenen" nähern wird. CYRILL STOLETZKY

Quelle: RP
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