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Vereinsleben
Sport funktioniert auch ohne Sprache

Vereinsleben: Sport funktioniert auch ohne Sprache
Sawsan Mohammad ist vor 18 Monaten von Syrien nach Deutschland gekommen. Zusammen mit Jaron Rautenberg vom WMTV hat sie als Integrations-Tandem den Schein zum Übungsleiter gemacht. FOTO: Kensbock
Solingen. Die Entscheidung fiel Sawsan Mohammad nicht leicht. Sie haderte, ob sie den Kurs als Übungsleiterin wirklich machen sollte. Und auch der Verein tat sich anfangs schwer. Denn die 39-Jährige aus Syrien wollte gerne Sport machen, mit Menschen in Deutschland in Kontakt kommen und vor allem die neue Sprache lernen. Aber sie wollte nicht bei Turnübungen mit einem Mann auf dem Boden liegen.

"Solche Situationen gibt es bei unserer Arbeit immer wieder", sagt Mirella Kuhl, Integrationsbeauftragte beim Solinger Sportbund. "Es ist wichtig, einen Kompromiss zu finden, mit dem beide Seiten gut leben können." Schließlich hat sich Sawsan Mohammad auf die Ausbildung eingelassen und der Verein ebenfalls. "Und beide Seiten könnten nicht glücklicher sein mit der Erfahrung", sagt Kuhl.

Das Programm, bei dem Bundesfreiwilligendienstler zu Übungsleitern ausgebildet werden, ist in Nordrhein-Westfalen einzigartig. Jeweils ein Deutscher und ein Zugewanderter bilden ein Tandem. In 120 Lehreinheiten absolvieren sie gemeinsam die Ausbildung, mit der sie Übungsstunden im Breitensport geben dürfen. Sie gehen aber auch in Schulen und Flüchtlingsunterkünfte, um andere Menschen mit Migrationshintergrund zum Sport zu bewegen. Sawsan Mohammad hat mit dem 18-jährigen Jaron Rautenberg für den Wald-Merscheider Turnverein (WMTV) zusammengearbeitet. "Die Tandems ergänzen sich gut: Die Zugewanderten sprechen die Sprache, die Deutschen kennen das System", sagt Kuhl.

Für Sawsan Mohammad war die Arbeit in einem Sportverein etwas ganz Neues. "Sport ist hier ganz anders als in Syrien", sagt die 39-Jährige. "In meiner Heimat gibt es Sport nur in der Schule und im Fitnessstudio. Es gibt keine Vereine." Das war auch ein Lernprozess für ihren Tandempartner Jaron Rautenberg. "Ich spreche mit Sawsan viel über ihre Heimat und habe einiges erfahren, das ich vorher nicht wusste", sagt er. "Das Tandem ist auch ein interkultureller Austausch." Aber auch persönlich hat der Volleyballer dazugelernt: "Ich habe als Übungsleiter mehr Selbstbewusstsein aufgebaut - und mir fällt es leichter, Menschen anzusprechen."

Die Syrerin, die seit 18 Monaten in Solingen lebt, konnte durch ihre Arbeit viele Kontakte knüpfen und Deutsch lernen. Nun möchte sie auch anderen Migranten einen Anstoß geben. Mohammad hat die Erfahrung gemacht, dass vor allem Frauen sich scheuen, einen Sportkurs zu besuchen. "Ich kann besser mit den Frauen reden und sie überzeugen, es mal auszuprobieren." Als neue Übungsleiterin wird sie ab Januar einen Kurs nur für Frauen geben, der auch als Austausch zwischen Deutschen und Migranten funktionieren soll.

Alle neuen Übungsleiter zeichnete der Solinger Sportbund am Donnerstagabend aus. Die weiteren Übungsleiter sind Jonas Dell, Seyed Hosseini, Jannis Keull, Vanessa Kucybala, Marcel Moravanski, Katrin Panitz und Peyman Tavakoli. Außerdem wurden fünf Sportvereine aus der Klingenstadt geehrt, die sich verstärkt für die Integration von Flüchtlingen und Migranten einsetzen. Das sind der Taekwondo-Club, der Gräfrather Sport- und Turnverein, der Merscheider TV , der Wald-Merscheider TV und der Ohligser TV.

Für Detlef Wagner, Präsident des Solinger Sportbundes, war das eine Auszeichnung für "kleine Helden", wie er sagt. "Es wurde in der Vergangenheit viel geredet und wenig gehandelt", sagtWagner. "Wenn man aber viel handelt und wenig redet, sieht das dann so aus", sagt er und zeigt in die Runde, in der alle Übungsleiter gemeinsam beim Essen am Tisch sitzen: "Auch wenn die Sprache noch nicht funktioniert - Sport funktioniert." (veke)

Quelle: RP
 
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