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Solingen
Szenen aus dem bergischen Dorfleben

Solingen: Szenen aus dem bergischen Dorfleben
Im Fundus der Lüttringhauser Volksbühne finden sich zahlreiche Kostüme und Requisiten, die - wie hier - bei einer Aufführung zum Einsatz kommen. Die Schauspieler sprechen selbstverständlich Remscheider Platt. FOTO: Lüttringhauser Volksbühne
Solingen. Die Lüttringhauser Volksbühne ist eine Institution im "Dorf". Mit viel Leidenschaft und Theaterblut bringen die Laiendarsteller so manchen Schwank auf die Freilichtbühne. Auch Kinder spielen mit. Von Cristina Segovia-Buendia

Heimat auf die humorvolle Art, gewürzt mit einer deftigen Portion Platt - das macht die Lüttringhauser Volksbühne aus, die auf eine 50-jährige Tradition zurückblickt. Sie ist mehr als eine gewöhnliche Laientheatergruppe. In ihr steckt nicht nur viel Leidenschaft und ein gutes Handwerk, sondern - wie ihr Name schon verrät - verpackt in Schauspiel und Remscheider Platt.

Wenn Udo Leonhardt so durch den Fundus aus über fünf Jahrzehnten spaziert, könnte er eigentlich zu nahezu jedem Kostüm und zu jeder Requisite eine Geschichte erzählen: Er greift zwischen Sakkos und Hemden nach einem auffällig rotbraunen Mantel an der vollgepackten Kleiderstange: "Den hatte ich letztes Jahr an, eine gute Rolle", erinnert sich der 67-Jährige.

Seit mehr als 22 Jahren ist Leonhardt Teil der Lüttringhauser Volksbühne, hat in etlichen Stücken mitgewirkt und ist seit einigen Jahren Spielleiter der bunt gemischten Truppe. 30 Ensemblemitglieder, im Alter zwischen fünf und 85 Jahren, zählt die Volksbühne, die längst nicht nur aus Lüttringhauser besteht, sondern sogar interkulturell aufgestellt ist. Dilara Cengic, eine junge Frau mit türkischen Wurzeln, spiele mit, ebenso wie Alexander Tantz - ein junger Mann, dessen Familie aus Russland stammt, erzählt der Spielleiter.

Wer die Remscheider Mundart nicht beherrscht, der lernt sie hier. Denn der Verein bringt nicht nur Klatsch und Tratsch mitten aus dem beschaulichen "Lütterkuser" Dorfleben als Komödien auf die Bühne, das Remscheider Platt in den Stücken, bedeutet auch aktive kulturelle Heimatpflege. Der Verein hält die Mundart lebendig und gibt sie über seine Kindertheatergruppe an die nächsten Generationen weiter.

"Schwierig ist das manchmal schon, weil die Jüngeren heutzutage die Mundart nicht mehr beherrschen und sie es auch von zu Hause auch gar nicht mehr kennen", berichtet Leonhard. Auch er kommt nicht aus Lüttringhausen, sondern aus dem Südbezirk. Platt sei ihm aber von der Wiege aus mitgegeben worden. Die künstlerische Tätigkeit für die Heimatbühne erfülle ihn. Seine ganze Familie ist praktisch eingebunden: Der Sohn baut an den Kulissen mit, und seine jüngste Enkeltochter, so hofft er, "kommt hoffentlich auch bald in unsere Kindergruppe".

Eine Tür weiter auf der Vereinsetage in der Kreuzbergstraße ist der Kostümfundus der Kinder und Frauen: Alt-bergische Röcke, Kleider und Uniformen hängen hier an den Stangen, in den Schränken sind Hauben und Hüte in zigfacher Ausführung verstaut. Eine Tür weiter öffnet Leonhardt Schranktür für Schranktür: ein Sammelsurium an Requisiten - von altem Porzellan und alt-bergischen Emailleschildern bis hin zu Stoffblumen, kleinen und großen Tierfiguren aus Keramik und Pappmasché kommen zum Vorschein.

Der Gang durch die Vereinsräume fühlt sich an, wie ein Museumsbesuch für bergische Geschichte. "Viele unserer Requisiten sind Spenden aus Wohnungsauflösungen." Also Gegenstände, die nicht nur auf der Bühne ihre Geschichte erzählen. Es sind alt-bergische Relikte, geschichtliche Zeugnisse unserer Heimat, die der Verein säuberlich sortiert aufbewahrt, ebenso wie zahlreiche Stücke, die dem Verein als kleine gedruckte Bücher vorliegen.

In den vergangenen Stücken ging es auch mal herber und nicht so heiter wie heute auf der Freilichtbühne her. Der Platz, auf dem heute das Gemeindehaus der evangelischen Kirche steht, gehörte damals auch noch dazu. "2500 Leute hatten damals dort Platz. Und es wurde allerhand aufgefahren, vom Blasorchester über den Lüttringhauser Männerchor bis zu den Schützen", erinnert sich Leonhardt. Sechs Wochen hintereinander spielte das Ensemble während der Sommermonate seine Stücke. Zusätzlich probte es ein zweites Stück für die Weihnachtszeit ein. Heute ist die Bühne kleiner aufgestellt, die Akteure spielen ein Stück im Jahr und das nur an drei Wochenenden. Verschiedene Chöre begleiten sie abwechselnd.

In die Freilichtbühne passen maximal 450 Zuschauer - "und unser größtes Problem ist das Wetter", sagt Leonhardt. Denn wenn die Aufführungen mal nicht gut besucht werden, fehlen Einnahmen, die der Verein benötigt, um laufende Kosten zu decken. Unbeirrt hält die Lüttringhauser Volksbühne an ihrer langjährigen Tradition fest - der Schauspielleidenschaft und ihrer Heimat zuliebe.

Quelle: RP
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