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Solingen
Textile Botschaften aus weiblicher Sicht

Solingen: Textile Botschaften aus weiblicher Sicht
Raimunde Grave stellt ab morgen in der Galerie SK in den Güterhallen aus. FOTO: Martin Kempner
Solingen. Die Galerie der Solinger Künstler stellt in der Ausstellung "Das bleibt nicht in den Kleidern" textile Arbeiten und erotische Objekte von Raimunde Grave aus Essen vor. Morgen um 15 Uhr wird die Schau in den Güterhallen eröffnet. Von Güdny Schneider-Mombaur

Das Interessante am Ausstellungskonzept der Galerie der Solinger Künstler ist die Offenheit für die Vielfalt künstlerischer Ausdrucksformen. Damit kann die Galerie die Besucher mit immer wieder neuen Wahrnehmungsangeboten überraschen. So sind auch die Arbeiten von Raimunde Grave auf den ersten Blick ungewöhnlich. Keine klassische Malerei, sondern textile Botschaften, die in unterschiedlichster Form daherkommen: als Tuch, als Bettüberwurf, als Kissenbezug, als Seidentop, Taschentuch oder einfaches Hemd. "Ich liebe alte Stoffe und Muster. Die textilen Fundstücke, die ich in den Schränken meiner Mutter aufstöberte, inspirierten mich. Mit ihnen lassen sich Geschichten erzählen," erklärt die Künstlerin. Sie vertauschte 2010 den Pinsel mit Nadel und Faden und näht und stickt nun vorrangig ihre Kunststücke in klassisch weiblicher Handarbeit.

Doch das zart verschlissene Seidentop und das hübsch umhäkelte Taschentuch aus der Vor-"Tempo"-Zeit verlieren im Arbeitsprozess ihre Unschuld. Grave stickt oder appliziert Textbotschaften von subversiver Prägnanz auf Kleidungsstücke und Stoffbahnen. "Sei hart zu mir" steht auf dem leichten Chiffontuch, "Gefangen im Kokon" auf dem Seidenoberteil. Das zentrale Motiv ist der Schmerz. Textfragmente auf einem großen pinkfarbenen Tuch mit Buchstaben im zarten Blumenmuster widmen sich der Borderline-Problematik. In weiteren Arbeiten geht es um den Verlust von Liebe, Würde oder Vertrauen. Da Bildtitel in dieser Ausstellung bewusst fehlen, soll der Betrachter nach eigenen Aussagen der Künstlerin "unbelastet seine eigenen Gefühle und Geschichten zu den Arbeiten zulassen und sich berühren lassen."

Inhaltliche und formale Ähnlichkeiten zu feministischen Künstlerinnen wie Louise Bourgeois oder Tracey Emin drängen sich auf. Letztere bezeichnet ihre eigenen Arbeiten als "living autobiography". Auch sie erzählt ihre tragische Lebensgeschichte unter anderem durch Alltagsgegenstände und textile Wandbehänge. Doch hier hält Raimunde Grave dagegen. In der Serie kleinformatiger Objektkästen mit Murmeln und Puppenfragmenten liest man wiederholt: "Ich hatte eine schöne Kindheit." Raimunde Grave deckt den pseudobiografischen Ansatz ihrer Arbeiten auf. Es geht nur vordergründig um sie selbst. Ihr Thema ist der Betrachter, der durch die Text- und Bildbotschaften zu Beziehungskonflikten, Traumata und Obsessionen unmittelbar angesprochen werden soll. Und das häufig mit einer Prise Humor. "Durch vermeintlich autobiografische Darstellung ermögliche ich dem Betrachter, seine Emotionen auf mich zu projizieren, wodurch seine Auseinandersetzung außerhalb von sich selbst stattfindet," erläutert die Künstlerin die Rezeptionsprozesse.

Das zeigt sich auch im Obergeschoss der Galerie, wo Grave ein kleines erotisches Frauenkabinett aufgebaut hat. Hier kreist ihr Blick ganz konkret um das weibliche Geschlecht. Kissenobjekte, Plüschplastiken oder valeurreiche Aquarelle auf Herrentaschentüchern thematisieren weibliche Sexualität.

Spätestens jetzt wird deutlich, dass Raimunde Grave feministische Themenkomplexe behandelt, ironisierend verpackt und humorvoll präsentiert. Frauenkunst, seit den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts fester Bestandteil der Kunstgeschichte, inspiriert auch heute noch künstlerisches Schaffen. Zunächst in Amerika, später auch in Europa, setzten sich Künstlerinnen mit ihrem Selbstverständnis als Frau und geschlechtsspezifischen Rollenklischees der Gesellschaft auseinander.

In dieser Tradition agiert auch Grave. Ihre provokanten Objekte, ihre subversiven Textbotschaften, ihre textilen Materialien und banal-ästhetischen Handarbeits-Verfahren sollen Seh-, Denk- und Reaktionsgewohnheiten entlarven, wie sie sagt, "in einer Art, die den Betrachter amüsiert, irritiert und zur Reflexion über eigene Sichten einlädt."

Die 1958 geborene Künstlerin studierte von 2003 bis 2009 Malerei an der freien Akademie der bildenden Künste in Essen. Dort lebt und arbeitet sie als Kunst-Schamanin, wie sie sich selbst bezeichnet.

Quelle: RP
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