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Ulle Huth "weiß bis heute nicht, was Kunst ist"

Serie Mein Verein: Ulle Huth "weiß bis heute nicht, was Kunst ist"
Die Malerei hat es Ulle Huth angetan. Doch die Künstlerin ist immer auf der Suche nach neuen Experimenten und Eindrücken. FOTO: Kempner (Archiv)
Solingen. Die Leiterin der städtischen Artothek gehörte 27 Jahre zum Vorstand der Solinger Künstler. Sie erzählt, warum es junge Künstler heute schwerer haben. Von Lisa Kreuzmann

Ulle Huth ist sich sicher. "Kunst ist tief in unserer Menschlichkeit verwurzelt", sagt sie. Doch genauso spricht sie aus Erfahrung: Raum für Kunst durchzusetzen bedarf ständiger Anstrengung. "Es gibt nicht viele Leute, die für die Kunst in die Bresche springen", sagt die Solinger Künstlerin. "Es war immer ein Kampf".

In ihrer Zeit als Vorstandsmitglied der Solinger Künstler hat Ulle Huth viele Umbrüche erlebt - und sich für die Kunst einsetzen müssen. Von 1988 bis zum vergangenen Frühjahr war sie im Vorstand des Vereins Solinger Künstler. Ein Club, den es seit 1919 gibt, doch der erst zwischen 1972 und 1990 eine feste Bleibe fand. In den 1970er Jahren bezogen die Künstler den Kohlekeller des ehemaligen Gebäudes des Klingenmuseums im alten Gräfrather Rathaus. Doch als das Klingenmuseum 1991 in die Mauern des ehemaligen Augustiner-Chorfrauen-Stifts in Gräfrath ziehen sollte, stand die Unterbringung der Künstler vorerst zur Diskussion. Ulle Huth sah die Gelegenheit und rief kurzerhand die "Hausbesetzung" aus. Eine Wortwahl, die stürmische Assoziationen weckte, erinnert sich Ulle Huth heute. "Wir wollten das ganze Haus", erzählt sie. Und das gelang. Mit dem Argument, ein Haus voller Künstler sei schließlich besser als ein leerstehendes, konnte sie nach eindringlicher Verhandlung auch den damaligen Kulturdezernenten der Stadt überzeugen.

14 Künstler konnten so ihre Ateliers in der Wuppertaler Straße behalten und ausbauen. Doch als 1994 feststand, dass das Haus wieder als Museum genutzt werden sollte, war die Zukunft der Künstler erneut unsicher. Seit 2007 stellen die Künstler nun in den Güterhallen aus.

Schon früh konnte Ulle Huth auch ein eigenes Atelier halten. "Ich hatte immer gute Bedingungen, um mich zu entfalten", sagt sie heute. Die Passion zum Malen habe sie bereits als Kind gelebt. Und so sei es auch vor allem die Malerei, die sie bis heute begleite. Aber auch für andere Formen war sie offen sagt sie. "Ich spiele gerne und habe Freude am Material; an den Grenzen und Möglichkeiten, das es mir aufzeigt." Auch experimentierfreudig sei sie immer gewesen, erzählt Ulle Huth, "ich habe mit Ton, Glas, Filz und auch Stoff gearbeitet." Aktuell stehe aber wieder die Malerei im Vordergrund, erzählt die Künstlerin.

Ihre Bilder sind derzeit auch in einer Ausstellung in der Galerie 100 in Berlin zu sehen. Dabei wehrt sie sich gegen das Bild der prompten künstlerischen Eingebung: "Man steht nicht an der Staffelei und wird von der Muse geküsst", sagt sie. Dieser Prozess bedeute totale Konzentration, sei schwierig und nach innen gekehrt. Es gebe Phasen, in denen sie mehrere Stunden pro Tag male, und dann wieder welche "da bin ich leer", sagt sie. Inspiration sei schließlich auch etwas sehr Unbewusstes, findet Ulle Huth. Und so wirke das, was sie an einem Tag bewege, manchmal erst viele Jahre später in ihren Kunstwerken nach. "Man ist von etwas beeindruckt, ohne dass man es merkt", erzählt Ulle Huth. "Wenn ich in ein Museum gehe zum Beispiel oder durch Gespräche". Und dann tauche ein vergessener Eindruck vielleicht erst viele Jahre später wieder auf, ohne dass er bewusst werde.

Ebenso unbewusst habe sich auch ihre Kunst über die Jahre entwickelt, sagt sie. "Natürlich kann ich nicht sagen, dass ich noch dieselbe bin, die ich vor vierzig Jahren war", so Ulle Huth. Aber das seien nun mal unbewusste Entwicklungen. Ohnehin sei man als Künstler ständig auf der Suche. Denn nach einiger Zeit, so sagt sie, sei sie gelangweilt. "Und dann muss ich sehen, was ich an Experimenten zulassen kann." In der Kunst sei schließlich nichts "fertig".

Doch diese Suche, erzählt Ulle Huth, sei sehr schmerzhaft, denn man wisse nie, wohin sie führt. Junge Künstler, findet Ulle Huth, hätten es heute noch schwerer, "weil alles schon da war." Als sie Teil der Kunstszene wurde, sei das Informelle und auch das Abstrakte noch relativ frisch gewesen, erzählt sie. "Das war nicht so abgelutscht wie heute." Wenn sie sich jedoch heute die Kunst junger Menschen ansehe, dann sehe sie häufig vor allem auch Unsicherheiten und könne noch keine klaren Linien erkennen; "ein Experimentieren", sagt die Künstlerin. Dabei betont sie, auch ihre Suche sei noch nicht abgeschlossen: "Ich weiß bis heute nicht, was Kunst ist", gesteht sie. "Der Mensch ist in der Lage, sich etwas über seine Realität hinaus auszudenken", wagt sie die Annäherung. Und das wird es immer und in allen Formen geben.

Quelle: RP
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