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Interview
"Uns brechen die Fachkräfte weg"

Interview: "Uns brechen die Fachkräfte weg"
Thomas Meyer (Mitte) - auf unserem Foto beim Empfang auf Schloss Burg mit Ehefrau Gabriele und Stadtdirektor Hartmut Hoferichter - wurde einstimmig als IHK-Präsident bestätigt. FOTO: Martin Kempner
Solingen. Der alte und neue Präsident der Industrie- und Handelskammer (IHK) unterstützt die jetzt gestartete Solinger Ausbildungskampagne. Unternehmen und Unternehmer werden nun gezielt angesprochen.

Sie sind einstimmig zum IHK-Präsidenten gewählt worden. Was möchten Sie in Ihrer zweiten Amtszeit insbesondere umsetzen?

Meyer Ganz oben auf der Themenliste steht die duale Ausbildung. Die wollen wir in enger Zusammenarbeit mit den Schulen stärken, hier können wir noch besser werden. Gleichzeitig wollen wir auch die gute Zusammenarbeit mit der Bergischen Universität fortsetzen. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels ist doch schon heute klar, dass uns die Fachkräfte wegbrechen. Von daher muss weiter in Bildung investiert werden. Zudem halte ich es für erforderlich, bei der Zusammenarbeit der drei Bergischen Großstädte einen weiteren Schritt nach vorne zu gehen. Hier gilt es, einen strategischen Plan, einen Masterplan für die Zukunft zu gestalten. Ein gemeinsamer Wirtschafts- beziehungsweise Masterplan für die Region muss von den Verwaltungsspitzen und Stadträten fest verabredet und dann auch eingehalten werden.

Kommen wir noch einmal auf die duale Ausbildung zurück. In Solingen wurde jetzt auch mit Unterstützung der IHK eine Ausbildungskampagne auf den Weg gebracht. Der Wirtschaft geht es gut, warum werden vor allem in der Klingenstadt zu wenig Ausbildungsstellen von den Unternehmen zur Verfügung gestellt?

Meyer Es stimmt, dass Solingen bei den Ausbildungsplätzen Schlusslicht im Bergischen ist. In der Klingenstadt sind in der Regel kleinere Unternehmen angesiedelt, die Nähe zu den Metropolen Köln und Düsseldorf kommt hinzu. Solingen hat einen negativen Auspendlersaldo. Wenn junge Menschen anderswo eine Ausbildung starten, besteht die Gefahr, dass sie ihrer Heimatstadt gänzlich den Rücken kehren. Bei den Jugendlichen ist ohnehin ein Hang zu Metropolen erkennbar, es besteht ein Trend zur Urbanisierung. Von daher müssen wir aufpassen, dass Solingen keine Schlafstadt wird. Das wollen wir nicht. Deshalb wurde mit der Ausbildungskampagne unter anderem verabredet, Unternehmen und Unternehmer gezielt anzusprechen, weitere Ausbildungsplätze zur Verfügung zu stellen. Zuvor werden wir ermitteln: Wer bildet noch nicht aus und wer bildet nicht mehr aus ?

Rückblickend betrachtet - hat die Bergische Struktur- und Wirtschaftsförderungsgesellschaft (BSW) das umgesetzt, was Sie sich von dieser Gesellschaft erhofft haben?

Meyer Ja, eindeutig. Die drei Städte haben neben ihren kommunalen Wirtschaftsförderungen einen regionalen Ansatz für die Wirtschaftsförderung gefunden - basierend auf der damaligen Bergischen Entwicklungsagentur. Das Spektrum wurde gut umgesetzt, und vielfältige Erfolge sind eingetreten. Ich erinnere hier beispielsweise an die über 30 Millionen Euro, die nach Schloss Burg fließen. Wir haben mit der BSW einen guten Schritt nach vorne gemacht.

Mit Bodo Middeldorf verliert die Gesellschaft aber einen Geschäftsführer. Der ist in den neuen NRW-Landtag gewählt worden. Wird ihn jemand ersetzen?

Meyer Die BSW hat ein breites Aufgabenfeld und von daher bislang zwei Geschäftsführer. Wir müssen uns nun anschauen, ob ein Geschäftsführer allein alles schaffen kann oder ob ein Prokurist und ein Geschäftsführer ausreichend sind. Das werden wir in Kürze entscheiden.

Wie hat sich Ihrer Meinung nach das Verhältnis unter den drei Bergischen Großstädten in den vergangenen Jahren entwickelt? Ist die Region enger zusammengerückt?

Meyer Auf jeden Fall, auch wenn das für die Bevölkerung nicht immer sichtbar ist. Es gibt viele Projekte, bei denen die Städte zusammenarbeiten - sei es zu zweit oder aber zu dritt. Die Verwaltungsspitzen arbeiten gut zusammen. Natürlich gibt es auch Hemmnisse. Wenn es beispielsweise darum geht, eine einheitliche IT-Plattform hinzubekommen, dann kann das schon mal mehrere Jahre dauern. Das liegt aber auch an unterschiedlich langen Verträgen, die die einzelnen Städte beachten müssen.

Hat sich der Bergische Rat als politisches Gremium der drei Großstädte etabliert? Oder sollte er mehr Kompetenzen bekommen?

Meyer Meiner Meinung nach fehlen ihm noch weitere Kompetenzen. Aber über den Aufsichtsrat der BSW, hier wechselt der Vorsitz jedes Jahr zwischen den drei Oberbürgermeistern und der IHK, kommt immer wieder neuer Drive herein auch für den Bergischen Rat. Alle Fraktionsvorsitzenden der Haushalt tragenden Parteien sind im Aufsichtsrat und im Bergischen Rat vertreten. Insgesamt stimmt aber die Struktur, auch wenn der Bergische Rat vielleicht von außen etwas holprig erscheint. Es wird streitig diskutiert, aber das ist in einer Demokratie nicht außergewöhnlich.

Immer wieder wird die Anbindung des Bergischen an die Rheinschiene gefordert. Warum ist das so wichtig?

Meyer Dafür gibt es mehrere Gründe. Wir hatten vor 20 bis 30 Jahren einen erheblichen Strukturwandel, schlimmer als im Ruhrgebiet. Viele Industriearbeitsplätze gingen in Solingen wie in den Nachbarstädten verloren. Aber das Ruhrgebiet hat sich zusammengetan und laut geschrien - wir im Bergischen nicht. Das hat sich mittlerweile geändert, ohnehin werden seit 2014 in NRW nur noch Regionen unterstützt. Wir sind zur Zusammenarbeit verdammt. Aber die Region Solingen, Wuppertal, Remscheid ist im Gesamtgeflecht NRW zu klein, deshalb die Anbindung zur Rheinschiene. Mit der Metropolregion Rheinland ist uns die Aufmerksamkeit der Landesregierung gewiss. Wir müssen aber dafür sorgen, dass wir als gleichberechtigter Partner in der Metropolregion auftreten.

Nach den Landtagswahlen zeichnet sich in Düsseldorf voraussichtlich eine schwarz-gelbe Regierung ab. Welche Erwartungen haben Sie an die neue Landesregierung?

Meyer Dass Sie die Bauchschmerzen der Bevölkerung ernst nimmt. Und die liegen insbesondere in den Bereichen Sicherheit, Bildung und Infrastruktur. Das Durcheinander an den Schulen muss aufhören, wir müssen unsere jungen Menschen qualifizieren, weil sich die Welt in den nächsten 20 bis 30 Jahren stark verändern wird. Bei der Infrastruktur braucht es endlich einen nachhaltigen, langfristigen Plan, um Straßen und Brücken auf Vordermann zu bringen, damit sich die Menschen entsprechend bewegen können. Ausreichend Gewerbeflächen gehören hier ebenfalls dazu.

UWE VETTER FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
 
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