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Solingen
Vier Frauen und eine Beethoven-Sinfonie

Solingen: Vier Frauen und eine Beethoven-Sinfonie
Die Partitur von Beethovens zweiter Sinfonie. FOTO: Peiseler
Solingen. Auf den Pulten der Orchestermusiker liegt die Partitur von Beethovens zweiter Sinfonie. Viermal spielen die Bergischen Symphoniker an diesem schwül-heißen Nachmittag die langsame Einleitung. Von Christian Peiseler

Vier junge Frauen, keine ist älter als 30 Jahre, stehen am Dirigentenpult und versuchen, die erfahrenen Profimusiker davon zu überzeugen, wie Beethoven ihrer Meinung nach klingen soll. Die Studentinnen haben sich um einen Platz an der Orchesterakademie der Bergischen Symphoniker beworben. Wer den Zuschlag erhält, bekommt in der nächsten Saison die Gelegenheit, die Konzerte der Schulmusiken zu leiten und zu lernen, was eine gute Dirigentin und Generalmusikdirektorin ausmacht.

"Der erste Satz ist ganz schön tricky" sagt Christian Kircher, der in der ersten Reihe bei den Violoncelli sitzt. Die Orchestermusiker können schnell erkennen, vielleicht schon nach den ersten fünf Minuten, ob jemand etwas taugt - oder auch eben nicht.

Mariam Chatzaki eröffnet das Vordirigieren. Die Griechin mit den wuseligen Haaren stellt sich kurz mit Namen vor und bittet um Konzentration. Sie dirigiert den Beginn und unterbricht. Der Einsatz der Hörner sei ihr zu laut. Es müsse klingen wie in einem "leeren Wald". Wiederholung. Chatzaki hat ganz präzise Vorstellungen davon, wie die einzelnen Instrumentengruppen einen Klang formen sollen. Die Bratchen und Geigen hängen ihr ein bisschen durch: "Strenger, bitte". Die Triolen hätten zwar genügend Energie geladen, sie müssten aber zum Ende hin ihre Farbe ändern. Zwischendurch gibt es eine kleine Diskussion über die Partitur. Musiker und Dirigentin haben zwei verschiedene Ausgaben vor sich. Oder ist das ein Test?

Eine angehende Dirigentin sollte sich in der Beethoven-Partitur auskennen und mit den unterschiedlichen Ausgaben vertraut sein. Solche Kompetenzen erwartet ein Orchester. Aber welches "Schlagbild" die jungen Frauen abgeben, und ob sie auch laut genug sprechen, so dass alle Musiker ihre Ansagen verstehen können, ist mindestens genauso wichtig. Dieses Handwerkszeug zählt zu den notwendigen Kompetenzen, die aber eines nicht ersetzen oder gar kaschieren können: die künstlerische Persönlichkeit. Doch wie lässt sich diese messen?

Das "Schlagbild" von Bar Avni, einer in Hamburg lebenden Israelin, ist klar und eindeutig. Zum Auftakt hebt sie den linken Arm senkrecht nach oben. Mit den Fingern der rechten Hand wibbelt sie hin und her, um das Surren der zweiten Geigen in die Stille zu treiben. Ihre weit aufgerissenen dunklen Augen geben den Einsatz für die ersten Geigen. "Jawohl, danke, das klingt schon besser", sagt Avin. Die Klarinetten und Fagotts versorgt sie noch mit dem Hinweis, dass jeder Takt wie eine Stufe sei, auf der sie lauter werden dürfen.

Als Generalmusikdirektor Peter Kuhn sich nach etwa 20 Minuten nähert, missdeutet sie sein Zeichen. Sie wollte zu einer anderen Stelle im Satz wechseln, Kuhn wollte ihr Vordirigieren beenden. Genug gehört. Denn draußen wartet noch zwei weitere Kandidatinnen. Ustina Dubitsky und Stephanie Schmitz.

Auf den Pulten der Musiker lagen gestern nicht nur Noten, sondern auch Stimmzettel. Das Orchester gibt eine Empfehlung ab, genauso wie der GMD. Bar Avni, die Israelin aus Hamburg, hat den besten Eindruck hinterlassen. In der nächsten Saison wird sie wieder Proben mit den Bergischen Symphonikern leiten. Beethovens zweite Sinfonie wird nicht dabei sein. Dann liegen auf den Notenständern Partituren für Schulkonzerte.

Quelle: RP
 
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