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Serie Traditionsberufe (8)
Vom Kreuzfahrtschiff zur Schwebebahn

Solingen. Margret Engel hat Damaszierer gelernt und ist mit ihrem Ätztechnik-Betrieb wegweisend - auch als Obermeisterin der Innung. Von Fred Lothar Melchior

Margret Engel ist MS-Deutschland-Fan. "Sie schaut jede Traumschiff-Folge", sagt Ehemann Thomas halb im Scherz. Statt sich für Siegfried Rauch und Sascha Hehn zu interessieren, hat seine Frau aber das Interieur im Blick: Aus ihrer Firma kamen die hochglanzpolierten Messingschilder für die Fächer an der Rezeption. Was bei Ätztechnik Herbert Caspers gefertigt wird, ist langlebig - auch ohne "Konserven" im Fernsehen.

Beschilderung und Skalierungen in vielen Firmen stammen ebenso von der Schorberger Straße wie die Hinweise an der Niederbergbahn sowie der Bergbahn- und der Korkenziehertrasse (dort sowohl touristisch, als auch auf dem Stück des Menschenrechtspfads), am Schwebebahnpark in Vohwinkel und an der Mühlenstraße in der Ems-Dollart-Region. Auch die Fanwand "auf Schalke" und die 16 Quadratmeter großen Bodenplatten im Centre Charlemagne in Aachen sind "Made in Solingen". Sie zeigen unter anderem den Grundriss des Doms.

"Viele unserer Produkte werden im Außenbereich eingesetzt", erläutert Margret Engel. "Wir ätzen aber auch die meisten Damastmesser, die in Solingen geschliffen werden, und beliefern Firmen aus dem Bereich der Medizintechnik sowie des technischen Modellbaus. Die abwechslungsreiche Arbeit macht den Beruf auch heute noch interessant für mich."

Als sich die 49-Jährige vor 30 Jahren für eine Ausbildung entscheiden sollte, wusste sie nur: Es sollte eine Arbeit mit den Händen sein. "Gartenbau, Kochen und Hauswirtschaft hätten mir Spaß gemacht. Aber dann bin ich durch Zufall mit dem Lehrlingswart der Graveure in Kontakt gekommen."

Er vermittelte den Kontakt zu Herbert Caspers. Aus der Lehre wurde mehr: Margret Engel erwarb den Meisterbrief und übernahm Anfang 1998 den Betrieb, der 2017 den 90. Geburtstag feiert. Dafür, dass in elf Jahren das Jubiläum des 100-jährigen Bestehens begangen werden kann, haben Margret und Thomas Engel das Fundament seit der Wirtschaftskrise gelegt. Sie sind nicht mehr abhängig von Kunden wie Porsche, für den Caspers 17 Jahre lang eine kleine Serie fertigte - bis der Vertrag von einem Tag auf den anderen nicht mehr verlängert wurde. "Wir sind extrem stolz darauf, uns aus der Krise gearbeitet zu haben", betont Thomas Engel. "Wir haben unseren Kundenstamm danach immer weiter ausgebaut und neue Bereiche hinzugenommen."

So liegen in dieser Woche beispielsweise Abfalleimer-Deckel für Flugzeuge in der Werkstatt. Neben einem Piktogramm enthalten sie Hinweistexte auf Englisch und Vietnamesisch: "Nicht für Zigarettenkippen". Das sechsköpfige Caspers-Team deckt die Werkstücke dort, wo nicht geätzt werden soll, mit Lack ab. "Da hat noch jeder Betrieb seine kleinen Geheimnisse, etwa beim Anmischen des Lacks", sagt Margret Engel, die auch Obermeisterin der Innung ist.

Einige Werkstücke werden nur geätzt, andere nach Kundenwünschen danach noch farbig gestaltet. Die Deckel etwa werden grau und rot. Es gibt auch schwarz verchromte Edelstahlschilder. Sie haben unter anderem den Reiz, dass sie mit Lösungsmitteln leicht von Graffiti befreit werden können.

Die Vorlagen werden mit Hilfe von Filmen auf die Ätzschablone übertragen, die dann beliebig oft benutzt werden. Komplizierter ist das Ätzen selbst, weil die Auflagen immer strenger werden. "Wir müssen extrem viel an Technik vorhalten", sagt der gelernte Elektroniker Thomas Engel, der als Technischer Leiter des Betriebs und als freiberuflicher Konstrukteur arbeitet. "In Deutschland werden die Vorschriften ohne jede Interpretation umgesetzt. Dabei sorgen wir natürlich schon selbst dafür, dass wir die Äpfel aus unserem Garten essen können."

Dass im Büro noch Ritter, Tod und Teufel reiten - einer von Dürers Meisterstichen - ist ein Erbe aus früheren Jahren, als auch noch Städteansichten oder geätzte Edelstahlteller beliebter waren. Neuere Stücke finden sich im Flur - und das größte hat wieder mit Schiffen zu tun: eine 2,70 mal 2,70 große Verkleidung, die ursprünglich für das auf der Meyer-Werft gebaute amerikanische Kreuzfahrtschiff Mercury gefertigt wurde. Die aus mehreren Platten bestehende Verzierung zeigt das Dach von New Yorks ältestem Wolkenkratzer und war die kleinste von mehreren, die Herbert Caspers für die Restaurant-Eingänge des Schiffes fertigte. Zum 70-jährigen Bestehen legte Caspers das Motiv noch einmal auf - kurz bevor er das Ruder an Margret Engel übergab.

Quelle: RP
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