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Haus Wittenberg
Vor dem Abriss: "Perlhuhn" wird gerupft

Haus Wittenberg: Vor dem Abriss: "Perlhuhn" wird gerupft
Die letzten Tage eines großen Hauses: Rund 600 Quadratmeter standen in Haus Wittenberg auf drei Etagen zur Verfügung. Etwa die Hälfte wurde gewerblich genutzt. FOTO: flm
Solingen. Nach 150 Jahren bleibt nichts von Haus Wittenberg übrig: Das ehemalige Restaurant macht um Platz für zwei Mehrfamilienhäuser. Von Fred Lothar Melchior

Flusskrebs, Lachs Bellevue und danach Mandarinensorbet mit kandierten Märzveilchen: Im Internet zeigt sich das Restaurant Perlhuhn noch wie zu besten Zeiten - als Stefan Dulz und Almuth Finke ihre Gäste im Haus Wittenberg zum französischen Abend (mit Porträtzeichnen) einluden oder ins "Wiener Kaffeehaus" entführten. Am Boden lagen Orientteppiche, an der Wand stand ein Flügel.

Alles vorbei: Ostern 2017 übergaben die beiden das Haus "besenrein" - der Pachtvertrag war nicht verlängert worden. Ende kommender Woche wird nichts mehr an Haus Wittenberg erinnern: Die frühere Pferdewechselstation wird abgerissen, um wie das Nachbargebäude Platz für zwei Mehrfamilienhäuser zu machen.

"2019 wäre Haus Wittenberg 150 Jahre alt geworden", blickt Almuth Finke auf ihre Zeit in dem verschieferten Fachwerkhaus zurück. März 2001 hatten sie und ihr Lebenspartner, der Koch Stefan Dulz, das Restaurant am Brühler Berg eröffnet. Ende Januar 2017 bewirteten sie dort zum letzten Mal Gäste.

Am Dienstag soll der Bagger anrücken und das Haus niederlegen, für das 1868 die ersten Bauanträge gestellt wurden. "Seit Jahresbeginn liegt die Abrissgenehmigung vor", erläutert Pressereferentin Sabine Rische von der Stadtverwaltung. "Der Abriss ab Ende März ist angezeigt. Der private Investor plant den Neubau von zwei Wohngebäuden mit zehn Wohnungen unterschiedlicher Größe, die Baugenehmigung ist erteilt."

Investor ist ein Solinger Unternehmer, der die Architektin Mirjam Hoch beauftragt hat. Ihre Pläne sehen unter anderem eine Tiefgarage und Parkplätze vor den Häusern vor. Für die Neubauten wurden bereits am Rosenmontag einige der alten Obstbäume auf dem großen Grundstück gefällt.

"Es war ein gewaltiges Füllhorn der Natur", sagt Stefan Dulz mit Bedauern. "Es war ein wunderbar naturbelassenes Grundstück. Wir haben bestimmt 40 verschiedene Pilzsorten gehabt, etwa Goldröhrlinge, Stockschwämmchen und Schwefelköpfe. Außerdem hatten wir das ganze Jahr über eine Blumenwiese an der Terrasse." Daran erinnert nichts mehr: Seit Tagen demontiert das Abrissteam unter anderem die Fenster und einen Teil der Verschieferung. Durch die nackte Fensterhöhle fällt der Blick auf die Kegelbahn, die schon lange nicht mehr in Betrieb war. Der Anbau wurde zum Teil als Gesellschaftsraum genutzt.

Almuth Finke und Stefan Dulz sind weiter auf der Suche nach neuen Räumen. "Wir haben uns mehrere Objekte angesehen", berichtet das Paar. Etwas Passendes war nicht dabei. "Wir gehen neue Wege", erläutert Almuth Finke. "Mein Mann ist als ,Rent a cook' unterwegs." Das Angebot reicht vom Menü zu Hause - mit oder ohne Service - bis zum privaten Kochkurs. "Wir haben die E-Mail-Adresse und die Telefonnummer mitgenommen und merken, dass das Interesse noch groß ist", sagt Finke. "Wir denken sehr gerne an unsere Gäste im Restaurant Perlhuhn zurück."

Quelle: RP
 
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