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Lambert T. Koch
"Weichen sind an vielen Stellen richtig gestellt"

Lambert T. Koch: "Weichen sind an vielen Stellen richtig gestellt"
Lambert T. Koch ist seit September 2008 Rektor der Bergischen Universität in Wuppertal. FOTO: Hans-Juergen Bauer (Archiv)
Solingen. Rektor der Bergischen Universität empfiehlt, bergisch zu denken. Er glaubt, dass die Region künftig bessere Noten bei Rankings bekommt.

In einer Broschüre der Bergischen Struktur- und Wirtschaftsförderungsgesellschaft haben Sie gerade die "Unternehmerregion" beschrieben und "exzellente Chancen für die künftige Entwicklung" ausgemacht. Warum landen dann die drei bergischen Großstädte bei Rankings von Focus und Wirtschaftswoche ständig auf hinteren Rängen, wird etwa die Zukunftsfähigkeit der Solinger Industrie mit Platz 70 benotet - dem letzten Platz unter allen erfassten Kommunen?

Koch Rankings sind im Kern darauf angewiesen, mit Daten aus der Vergangenheit zu arbeiten und daraus auf die Zukunft zu schließen. Insofern sind sie aus Prinzip hinter der Realität zurück. Beobachtungen und Gespräche vor Ort belegen aber, dass die Weichen im Städtedreieck an vielen Stellen mittlerweile richtig gestellt sind, so dass eine deutliche Trendwende nicht ausbleiben wird. Abgesehen davon gibt es ja auch bereits Rankings, in denen sich Veränderungen zum Positiven abbilden.

Sie schreiben, dass in der "Unternehmerregion" natürlich die Rahmenbedingungen stimmen müssen, damit man wirklich von einem "Ort des technologischen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Aufbruchs" sprechen kann. An welche Bedingungen denken Sie da besonders?

Koch Dringend vonnöten sind vor allem verbesserte infrastrukturelle Rahmenbedingungen wie gute Verkehrsanbindungen, der Ausbau völlig überlasteter Straßen und Bahnlinien, die Modernisierung der Bedingungen für den Datentransport im Digitalisierungszeitalter, die Weiterentwicklung themenzentrierter Industriegebiete und die großzügigere Ausweisung qualitätsvollen Wohnraums. Außerdem müssen wir das, was schon da ist - auch an sozialen und kulturellen Angeboten - viel offensiver und professioneller national und international vermarkten. Dabei gilt es, nicht immer peinlich genau nach "mein und dein" zu trennen, sondern bergisch zu denken. Wenn wir ehrlich sind, ist die bergische Zusammenarbeit noch nicht wirklich vorangekommen. Ihr Gelingen wäre indes ein entscheidender Erfolgsfaktor.

In der Broschüre ist ja bereits von "mehr" regionaler Gemeinsamkeit die Rede. Ist das als Hoffnung zu verstehen? Wuppertal streitet sich mit Remscheid über das Outlet-Center und will bei der Kultur möglichst eigene Wege gehen. Solingens Oberbürgermeister baut sein Büro aus, um das Stadtmarketing zu fördern. Sie propagieren dagegen ein Standort-Marketing, auch um Nachwuchs für die bergischen Unternehmen zu gewinnen. Wo kann die Bergische Universität vermitteln?

Koch Zu dem Outlet-Streit hat sich der Beirat der Bergischen Struktur- und Wirtschaftsförderungsgesellschaft schon vor mehr als einem Jahr in aller Klarheit geäußert. Zunächst hinter den Kulissen und, als das nicht fruchtete, auch in einem öffentlichen Brief. Den Bürgerinnen und Bürgern sind diese Streitereien nicht zu vermitteln. Sie vergiften das Klima und nutzen wirklich keinem. Ich habe persönlich meine Vermittlung angeboten. Dieses Angebot steht weiterhin. Was hingegen den Ausbau von Marketingkapazitäten anbetrifft, so ist das ein kluger Schritt Solingens. Unabdingbar ist allerdings, dass die Marketingbereiche der drei Städte künftig noch enger kooperieren.

Klaus Appelt, der bei der IHK den Bereich Innovation und Umwelt leitet, zitiert gerne aus einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln: Das Bergische Land soll eine der innovativsten Regionen in Deutschland sein. Wie verträgt sich das mit den anderen Erhebungen - und damit, dass viele Firmeninhaber immer noch vor einem teuren Breitband-Anschluss zurückzucken?

Koch Die Studie gibt es, und wir können in der Tat stolz auf diese Ergebnisse sein. Die Kernaussage lautet nicht, dass alles schon gut ist. Sie stützt aber das, was ich eingangs zu unseren Chancen und Potenzialen gesagt habe. Unter anderem bestätigt man uns, dass wir viel Geld in exzellente Arbeitskräfte und andere Ressourcen für Forschung und Entwicklung investieren und dass wir gemessen an der Anzahl der Patente nach wie vor eine Region großartiger Tüftler und Erfinder sind. Außerdem liegen wir auch bei der Quote interessanter Unternehmensgründungen deutlich über dem landesweiten Durchschnitt.

In Zeiten, wo Fachkräfte gesucht sind, machen sich weniger Menschen selbstständig. "Wie frühere Generationen möchten wir die Zukunft selbst in die Hand nehmen" ist ein Satz aus Ihrem Text. Möchten wir wirklich? Und wie kann man junge Leute überzeugen, Unternehmer zu werden? Zahlreichen älteren Firmenchefs fehlt schon heute ein Nachfolger.

Koch Schauen Sie sich nur an, was allein die Bergische Universität für Gründerinnen und Gründer tut. Seit nunmehr 18 Jahren gehört sie in puncto Gründungsförderung zu den erfolgreichsten deutschen Hochschulen. Viele überaus erfolgreiche Jungunternehmen der Region sind von ehemaligen Studierenden unserer Uni aus der Taufe gehoben worden. Und im Wuppertaler Technologiezentrum, das landesweit als Vorzeigeinstitution gilt, wächst schon die nächste Generation junger Unternehmen heran - viele davon sind ebenfalls Ausgründungen aus der Bergischen Universität. Es handelt sich um eines der best ausgelasteten Zentren seiner Art.

Das gerade an den Start gegangene Wuppertaler Institut für Unternehmensforschung und Organisationspsychologie ist das 45. Forschungsinstitut der Bergischen Universität. Als erstes Projekt geht man ein Konjunkturbarometer für die Region an. Warum reichen die Daten nicht aus, die beispielsweise die IHK oder Creditreform seit langem ermitteln?

Koch Ein wichtiger Auftrag von Universitäten ist es, immer auch daran zu forschen, Lösungen, die es in der Sache schon gibt, weiterzuentwickeln. Unser neues Konjunkturbarometer wird deutlich anwendungsfreundlicher sein, noch fokussierter auf die spezifische Situation unserer Region. Es wird Daten zeitnäher aufnehmen und damit aktueller sein sowie in einer höheren Frequenz gut aufbereitete Ergebnisse liefern. Natürlich suchen wir auch hier die Zusammenarbeit mit der IHK, so dass am Ende alle gewinnen können: die Unternehmen als "User" wie auch die Kooperationspartner.

FRED LOTHAR MELCHIOR FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
 
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