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Solingen
Wenn der Kasper die Gretel schlägt

Solingen: Wenn der Kasper die Gretel schlägt
Jeanette Bühren und Marcel Gewehr spielen im Kammerspielchen "Mr. Punch und Mrs. Judy". FOTO: Kammerspielchen
Solingen. Häusliche Gewalt: Das bitterböse Stück "Mr. Punch und Mrs. Judy" von Debbie Isitt hatte Premiere im Kammerspielchen. Von Jan Crummenerl

Darf man lachen, wenn es um grauenhafte Themen geht? Beim Gedanken über eine Komödie über den Holocaust zuckt sicher jeder zusammen. Aber man weiß, es funktioniert. Mit drei Oscars ausgezeichnet wurde Roberto Benignis Tragikomödie "Das Leben ist schön". Ebenfalls mit filmischen Lorbeeren bedacht wurde "Der Zug des Lebens" von Radu Mihaileanu. Aber man muss gar nicht in die Weltgeschichte gehen, um ähnlich tabuisierte Themen zu finden. Es reicht der Blick hinter die Tür mancher Beziehung: häusliche Gewalt. Die Bandbreite reicht vom ständigen Genörgel am Mittagstisch bis zum Totschlagen des Ehepartners. Weit über 10.000 Anzeigen werden jährlich alleine von der Berliner Polizei registriert. Dunkelziffer unbekannt. Dreiviertel der Täter sind Männer. Damit beschäftigt sich die bitterböse Komödie "Mr. Punch und Mrs. Judy" der britischen Autorin Debbie Isitt. Hier bleibt einem das Lachen nicht nur im Halse stecken, sondern die Komik schlägt oft in Entsetzen um.

In einer hochinspirierten Inszenierung von Ronald F. Stürzebecher hatte das Stück eine mit viel Applaus bedachte Premiere in den Kammerspielchen Gräfrath: kein Boulevardwerk, sondern ein grausam-komisches Kasperletheater. Punch und Judy sind das brutalere britische Gegenstück zu Kasperle und Gretel. Gespiegelt durch die Form des eigentlich doch lustigen Spiels für Kinder wird der Alltag mancher Ehehölle durchleuchtet. Ein rotes Sofa auf der Bühne, eine Puppenspielbühne dahinter, eingefasst von skurril rotkarierten Wänden genügen als Kulisse. Mit Tritratrulala und marionettenhaften Bewegungen erscheint Punch auf der Puppenbühne. "Man hat es nicht leicht mit den Frauen", sagt er und schwingt genüsslich eine Keule. "Frauen, Hunde und anderes Getier, brauchen die Peitsche, dann folgen sie dir." Punch im roten Glitzeranzug, Judy in rotem Puppenkostüm, beide mit den unvermeidlich rot gekreist geschminkten Wangen können loslegen.

Punch baggert Judy in der Disko an und beide landen im Bett. Der Liebesakt war Judy zu kurz und sie möchte eine Wiederholung. Punch aber hat Kopfschmerzen. In knappen Monologen und sketchartig behandelten Szenen geht die Handlung voran. Der betrunkene und jähzornige Punch fragt Judy, wo sie um Punkt 9.45 Uhr auf der gestrigen Party war. Klar, für fünf Minuten auf dem Klo. Da setzt es die ersten Schläge. So geht es weiter über die lockere Beziehung bis in die Ehe. Punch brüllt, schlägt, weiß nicht, wie ihm geschehen ist, weint, bittet um Verzeihung. "Wir schaffen das." Und für Judy ist Punch doch eigentlich "ein wunderbarer, liebenswerter Mensch". Es wird von einer gemeinsamen Zukunft fantasiert, die Vergangenheit wird verklärt.

Dann steigert sich alles spiralartig. Die Beziehungsgespräche entgleisen stets nach dem gleichen Muster. Punch donnert zuletzt Judy mehrfach vor die Wand, bis sie im Krankenhaus landet. "Sie hat einen Verkehrsunfall gehabt." Aus der Horrorbeziehung kommt keiner raus: Punch will Judy nicht gehenlassen und Judy kann nicht. Die Beleuchtung wird dunkelblau. In Zeitlupentempo schlagen sich die beiden slapstickgleich zusammen. Ob es Realität ist oder Wunschdenken, bleibt offen.

Jeanette Bühren als Judy und Marcel Gewehr als Punch balancieren brillant auf dem Hochseil dieses Stückes. 90 Minuten halten sie pausenlos die Schwebe zwischen Groteske und Grauen, zwischen überzogenem Spiel der Puppen und realer Beziehungsbrutalität. Dank des tollen Spiels der beiden Akteure hält der Spannungsbogen bis zum grausig-komischen Finale. Wie hier Kasperle und Gretel in einem ausweglosen Beziehungsdrama enden, ist sehenswert und macht nachdenklich.

Quelle: RP
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