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Solingen
Wenn der Weihnachtsmann auf dem Bahnsteig wartet

Solingen. Ein besonderer Heiligabend am Solinger Hauptbahnhof. Von Guido Radtke

Viele Familien haben um diese Uhrzeit vermutlich schon zur Bescherung geläutet. Andere sind an Heiligabend noch unterwegs, um mit einem der letzten Züge, der an Heiligabend noch den Hauptbahnhof in Solingen anfährt, nach Hause zu kommen. In der Unterführung ist kein Mensch zu sehen, während der Mann mit rotem Mantel und gleichfarbiger Mütze sowie weißem Haar und Rauschebart am Ostausgang die Treppen hinunter stiefelt.

In der Adventszeit ist der Weihnachtsmann hier und da und überall. An Heiligabend aber rechnet niemand damit, ihn auf offener Straße und erst recht nicht auf einem Bahnsteig zu treffen. Ein muslimisches Pärchen mit Kinderwagen steht vor dem Fahrplan-Aushang an Gleis 3 und vergleicht die Abfahrtzeit ihres Zuges mit dem auf ihrem Zettel. Beiläufig schaut die Frau zum Treppenaufgang. Ihre Augen werden riesig, als sie den Weihnachtsmann erblickt. Dann lächelt sie und stupst ihren Mann an. Sie schauen immer wieder herüber, reden kurz miteinander und kommen schließlich auf den Weihnachtsmann zu. Der junge Vater zeigt sein Handy und fragt per Zeichensprache an, ob die Kleinfamilie ein Foto mit dem Weihnachtsmann machen dürfte. Aber selbstverständlich.

Ein junger Erwachsener ist in sein Telefonat vertieft, während er über die letzten Treppenstufen den Bahnsteig erreicht und schließlich die unerwartete Szenerie wahrnimmt. Sein flüssiges Gemurmel kommt kurz ins Stocken - und ein Wort ist klar und deutlich zu vernehmen: Weihnachtsmann. Der trendig gekleidete Typ verabschiedet sich von seinem Gesprächspartner, hält etwas Distanz zu dem Geschehen und tippt dann eifrig auf seinem Handy herum. "Meine Freundin hat geschrieben, ich soll ihr ein Foto von uns beiden schicken", wird er später sagen. Nun findet der junge Mann es auch "cool", am Bahnhof ein Selfie mit dem Weihnachtsmann zu knipsen. "Das glaubt mir doch sonst Zuhause keiner."

Was eigentlich nur als Überraschung für die Schwiegermutter gedacht war, entwickelt sich zu einem ganz besonderen Heiligabend. Es sind die erst verdutzten und sogleich glücklichen Gesichter, in die der Weihnachtsmann blickt, als der Regionalexpress nach Münster langsam in den Bahnhof einfährt. Der Lokführer lächelt und winkt zurück. Die Fahrgäste, die nicht glauben wollen, ob sie tatsächlich richtig gesehen haben, drehen sich um, schauen aus den Fenstern und winken ebenfalls. Einige der wenigen Personen, die aussteigen, bleiben kurz stehen, bevor sie sich auf den Heimweg machen.

Auch der Weihnachtsmann verlässt den Bahnhof - mit einem glücklichen Gefühl, das stets zurückkehrt, wenn er sich an diesen Abend erinnert.

Quelle: RP
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