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Im Blickpunkt Walder Theatertage
Wenn Oma im Altenheim entsorgt wird

Solingen. Mit dem Kabarettisten Stefan Waghubinger wird die Steuererklärung zur Lebenserklärung. Von Jan Crummenerl

Bei diesem Thema müsste jeder, der noch bei Verstand ist, schreiend weglaufen - oder gar nicht erst hingehen. Da doziert einer zwei Stunden auf der Bühne zum Thema Steuererklärung ? Und es ist kein Fachseminar für Finanzbeamte. Und trotzdem herrscht helle Begeisterung im Publikum des sehr gut besuchten Pädagogischen Zentrums der Friedrich-Albert-Lange-Schule. "Hätte ich vor 19 Jahren einen Abend über Steuererklärung im Angebot gehabt, hätte ich gedacht: Aus den Walder Theatertagen wird nie etwas", scherzt Schulleiter Peter Wirtz.

Heute gehören die Theatertage zu den Highlights in Solingen - auch mit dem leidigen Steuerthema. Dass das aber ganz anders als staubtrocken herüberkommt, ist klar: Der Kabarettist Stefan Waghubinger hat sich dessen in seinem aktuellen Programm angenommen: "Außergewöhnliche Belastungen". Es ist nicht zu viel gesagt, wenn der in Steyr geborene und in Stuttgart lebende Künstler österreichisches Jammern und Nörgeln mit deutscher Gründlichkeit betreibt. Da hängt er lustlos am Schreibtisch. "Hier sitze ich seit drei Monaten und habe noch nicht angefangen." Man ahnt schon, Waghubinger wird auch an diesem Abend seine Steuererklärung nicht machen.

Auf dem Tisch: ein Pappkarton voller Quittungen und Belege, ein Stapel Formulare, eine Kaffeetasse, ein Wasserkocher. Über letzteren im Besonderen, Wasser und Strom im Allgemeinen sinniert und schwadroniert der 49-Jährige. Wie ein Schüler, der seine Hausaufgaben nicht machen will, lässt er die Gedanken schweifen. Den Stromanbieter hat er gewechselt und blickt auf den Wasserkocher. "Atomstrom finde ich nämlich am besten", erklärt er. "Denn solange die rote Lampe am Wasserkocher leuchtet, weiß ich, dass das Kernkraftwerk noch nicht in die Luft geflogen ist." Über Kocher und Handy geht es zum Strom. Da ist der Schritt nicht weit zum Elektrischen Stuhl und der Henkersmahlzeit. Er würde sich gleich zwei bestellen und nur eine aufessen: Das schlechte Wetter sollen dann die anderen ausbaden. Oder man soll besser die Steuererklärung bringen: "Dann sterbe ich gerne."

Was sich hier vordergründig anhört, als komme einer vom Hölzchen aufs Stöckchen, entpuppt sich als kunstvolles Gewebe, das vor Leitmotiven wie Oma, Capt'n Kirk oder dem Koffer ("Wer einen Rollkoffer hat, schleppt mehr mit sich herum, als er tragen kann") nur so klingt. Mal in gedanklichen Achten fliegend, mal irrwitzige Bahnen abfahrend, findet Waghubinger in seinem philosophischen Kabarett immer wieder zum zentralen Thema zurück: der Steuererklärung - also zur Frage nach dem Leben und dem Sinn desselben.

Mal wieder der Wasserkocher: "Es geht ja alles kaputt, sobald die Garantiezeit abgelaufen ist." Das ist etwas Verlässliches. Warum nicht auch beim Menschen ? "Wenn ich weiß, dass mit 70 Schluss ist, kann ich doch viel besser planen." Aber die Natur hat leider keinen Knopf wie der Wasserkocher. Der wird natürlich als Wertstoff recycelt. Mit Großmutter ist das nicht so. "Omas Lebenserfahrungen werden im Altenheim entsorgt." Der Denk- und Sprachkünstler Waghubinger lässt seine durchaus bitteren Pointen die dünne Decke des munteren Geplauders wie ein Florett durchstechen und aufblitzen. Immer wieder kehren Motive wie alte Bekannte zurück. So wie die Oma: Wie war das denn mit der älteren Dame aus "Hänsel und Gretel"? Die wird umgebracht, weil sie ein Kind für den Eigenbedarf hält? Unglaublich! Waghubinger erklärt seine Steuern nicht. Dafür aber kann er erklären, dass das Leben nicht immer eine "Außergewöhnliche Belastung" sein muss.

www.walder-theatertage.de

Quelle: RP
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