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Solingen
Wie Betriebe heute Lehrlinge gewinnen

Solingen. Business-Talk der Arbeitsagenturen Solingen-Wuppertal und Mettmann auf Gut Hahn in Haan. Von Christoph Schmidt

In Solingen meldeten die Unternehmen und Verwaltungen seit Oktober 2014 lediglich 581 Ausbildungsplätze. Das ist ein Rückgang von elf Prozent gegenüber dem Vergleichszeitraum 2013/2014. Zurzeit sind 232 Lehrstellen noch nicht besetzt. Auf der anderen Seite suchen noch 514 Jugendliche einen Ausbildungsplatz.

Da sollte es doch ein Leichtes sein, die Lehrstellen zu besetzen, sollte man meinen. Ist es aber nicht. Denn fast 59 Prozent aller Schüler stürzen sich auf nur zehn Ausbildungsberufe, weiß Marcus Kowalczyk, Chef der Agentur für Arbeit Mettmann. Die 340 anderen Berufe sind kaum bekannt. Oder aber Bewerber und Lehrstelle passen nicht zusammen. Für die Arbeitsagentur ist klar: Betriebe müssen neue Wege gehen, um geeignete Azubis zu finden. Wie das aussehen kann, erfuhren knapp 70 Unternehmer aus dem Bergischen und dem Kreis Mettmann beim "Business-Talk" der Arbeitsagenturen Solingen-Wuppertal und dem Kreis Mettmann auf Gut Hahn in Haan.

Die BIA Kunststoff- und Galvanotechnik aus Solingen etwa hat vor zwei Jahren einen Chemie-Preis für Realschüler aus der Klingenstadt ausgelobt. "Wir versuchen, junge Leute ins Werk zu bekommen", erläutert Ausbildungsleiterin Sabine Weyersberg: "Über Probearbeiten und Praktika lernt man sich besser kennen. Ganz entscheidend ist ein persönliches Gespräch." Eine Fünf in Religion macht sie hellhörig: "Wer sich in Reli beteiligt, bekommt mindestens eine Drei. Eine Fünf weist auf ein Einstellungsproblem hin."

Auch die Firma MEG Mechanisch-Elektronische Geräte aus Langenfeld gewinnt ihre Auszubildenden fast nur über Praktika, berichtete Matthias Friedland: "Viele Jugendliche kennen nur die virtuelle Welt des Internets. Wir haben eine CNC-Fertigung, Computer bedienen bei uns Maschinen. Das kann jeder bei uns mal ausprobieren." Und weil das Arbeitsgebiet nicht mehr schmutzig ist, seien mittlerweile 30 Prozent der Azubis weiblich - und häufig besser als die Jungs.

Lars Michalski nimmt überhaupt keine Praktikanten mehr. Sie seien häufig unpünktlich und unzuverlässig gewesen. Das ist der Chef der AS Glas- und Gebäudereinigungs Service GmbH aus Velbert gründlich leid. Er suchte per Annonce auf Englisch einen Azubi in Spanien - und fand Carlos, Anfang 20: "Mein absoluter Wunschkandidat. So jemanden hätte ich in Deutschland für einen Handwerksberuf nie gefunden." Michalski half Carlos bei der Wohnungssuche, organisierte einen Deutschkurs. Kürzlich hat er eine zweite Auszubildende eingestellt: Betty, eine junge Mutter aus Marokko. Wieder ein Glücksgriff, erzählt Michalski: "Ich bin ganz happy." Für Bettys Kind (3) hat er einen Betreuungsplatz besorgt. "Die Arbeitsagentur hat uns in beiden Fällen sehr geholfen", bedankt sich der junge Unternehmer ausdrücklich bei den Behörden. Er wird ihre Unterstützung bald wieder brauchen. Michalski will zwei Flüchtlinge ausbilden. "Ich kann jedem nur empfehlen, sich mal in einem Flüchtlingsheim umzuschauen. Viele sind motiviert und gut ausgebildet. Sie sind froh über eine Chance." Für den Unternehmer sind die Flüchtlinge "ein riesiges Potenzial, das wir im Moment aus verschiedenen Gründen nicht nutzen." Michalski will das ändern.

Quelle: RP
 
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