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Analyse
Winterlicht - oder wie die Stadt irrlichtert

Meinung | Solingen. Ansichtssache Die Umbenennung von Festen wie St. Martin in "Lichterfest" ist ebenso umstritten die der Weihnachtsbeleuchtung. Von Martin Oberpriller

An der Konrad-Adenauer-Straße haben gestern die ersten Arbeiten begonnen, um die nördliche Einfallstraße zur City in diesem Advent erstmals festlich zu beleuchten. In den zurückliegenden Wochen hat Ralf Kohns vom Elektrogeschäft Expert Schultes bei anderen Händlern der Straße sprichwörtlich die Klinken geputzt, um das Geld für die neue Weihnachtsbeleuchtung zusammenzubekommen. Am Ende hat es funktioniert, weil viele, auch türkischstämmige Geschäftsleute in der Nordstadt einen Obolus entrichten. Und somit besäße alles seine schönste Ordnung, wenn nur die Stadt jetzt nicht - verbal - danebengegriffen hätte.

In einer Pressemitteilung aus dem Rathaus wurde die Weihnachtsbeleuchtung an der Konrad-Adenauer-Straße in dieser Woche als "Winterlicht" angekündigt. Was wahrscheinlich zunächst einmal nur politisch besonders korrekt klingen soll und darum auch nicht weiter der Rede wert wäre, würden solch verbale Verrenkungen nicht all jenen argumentative Munition liefern, die spalten wollen.

Tatsächlich sind die sozialen Netzwerke im Internet voll von Statements ach so besorgter Bürger, die angesichts der längst Realität gewordenen Vielfältigkeit der Gesellschaft den "Untergang des Abendlandes" an die Wand malen. Und für diese Zeitgenossen ist die politische Korrektheit, die da jetzt aus dem Rathaus herausklang, der scheinbare Beweis für ihre ebenso kruden wie gefährlichen Thesen. Jedenfalls reden die ersten bereits davon, demnächst würde auch Weihnachten umbenannt.

Selbstverständlich hat die Stadt das nicht gewollt. Und gewiss meinten es die Verantwortlichen nur gut. Aber gut gemeint ist noch lange nicht gut gemacht - zumal kein ernstzunehmender Mensch in Solingen je gefordert hat, aus einer Weihnachtsbeleuchtung ein "Winterlicht" und aus einem St. Martins-Umzug ein "Lichterfest" zu machen. Und zuallerletzt verlangten das die Muslime in dieser Stadt. Die alltäglichen Folgen solcher Verbalakrobatik haben sie gleichwohl zu tragen.

Denn mögen sich die Initiatoren sowie Verfasser der politisch korrekten Worthülsen auf der einen Seite auch gut fühlen - Ausländerfeinde und Islamhasser werden sich andererseits die Steilvorlage aus dem Rathaus nicht entgehen lassen und den Muslimen nun wieder mal alles nur erdenklich Schlechte unterstellen.

Noch einmal: Die Verantwortlichen hatten dies natürlich niemals zum Ziel. Ihnen ging es vielmehr darum, scheinbar vermintes Gelände zu umgehen, in dem sie eine vermeintlich unverfängliche Wortwahl trafen.

Nur haben sie dabei leider zwei Sachen übersehen. Erstens ist die Wortwahl im Kontext der augenblicklichen, von Vorurteilen sowie Unterstellungen gegenüber Muslimen geprägten gesellschaftlichen Atmosphäre aus den angeführten Gründen nicht unverfänglich. Und zweitens ist das besagte Gelände - also das Zusammenleben von Menschen aus verschiedenen Kulturen - in Solingen auch gar nicht so vermint, wie manche glauben.

Von den muslimischen Händlern in der Nordstadt hat sich jedenfalls niemand daran gestört, als Ralf Kohns zuletzt für die "Weihnachtsbeleuchtung" warb. Was man im Rathaus eigentlich wissen sollte. Schließlich liegt die Konrad-Adenauer-Straße direkt vor der Tür. Man müsste nur ab und zu mal nach draußen gehen - ins echte Leben.

Quelle: RP
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