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Solingen
Wo der König Hühnersuppe spendiert

Solingen: Wo der König Hühnersuppe spendiert
Hahneköppen hat eine lange Tradition im Bergischen. In Solingen wird sie heute nur noch von drei Vereinen gepflegt. FOTO: Nico Hertgen (Archiv)
Solingen. Selten geworden: Die Schlicker Hahneköpper gehören zu den letzten Vereinen, die eine alte Tradition am Leben halten. Von Jan Crummenerl

Zeitreise. Es geht den Schlicker Weg hinauf. Rechts in einem der letzten Steinhäuser ist ein Tante-Emma-Laden. Nur das die Tante ein Mann im Kittel ist. Auf der anderen Seite kommt der Baumhof - und dann wird es eng. Der Weg schiebt sich an den schiefen Schiefer- und Fachwerkhäusern vorbei. Ein kleines Männlein in Hosenträgern steht grüßend in der nicht minder kleinen Tür. Recht geht es zum Minigolfplatz, geradeaus zum Schlicker Hof.

Im Baumhof wird Hahneköpperfest gefeiert: Musik, Schnurrad, Wurst- und Getränkestände. Mit ein paar Groschen in der Tasche lockt uns als Kinder die Limonade. Und wenn man zur rechten Zeit kommt, kann man das Köppen erleben. Wenn die Recken, mit verbundenen Augen und mit Zielwasser gestärkt, versuchen, dem toten Hahn im Korb den Kopf mit einem stumpfen Säbel abzuhauen. Umringt von einer dichten Menge, die dieses Spektakel sehen will. Es ist ein brüllend heißer Sommertag Ende der 70er Jahre. Onkel Emma und das Männlein sind verschwunden, ebenso Baumhof, Minigolfplatz, Schlicker Hof und die alten Fachwerkhäuser. Der Schlicker Weg endet heute unvermittelt an rotweiß gestreiften Pollern. Dahinter ist die Unnersberger Allee, mit der das alte Schlicken zuasphaltiert wurde. Aber eines gibt es noch: den Heimat- und Hahneköpper-Verein Schlicken "Schlag aff" von 1933. Von Freitag bis gestern wurde auf dem Vereinsgelände an der Unnersberger Allee gefeiert - natürlich mit Buden, Bänken und Schnurrad.

"1998 sind wir hierher umgezogen", sagt Uwe Marx, Vorsitzender des Vereins und seit rund 30 Jahren Mitglied. "Früher waren die Hahneköpper ja eine richtige Hofschaftssache." Aber mit dem Verschwinden der alten Hofschaften bricht auch diese Tradition langsam weg. Gut zweidutzend Hahneköpper-Vereine habe es früher gegeben. "Jetzt sind noch drei übrig geblieben." Aber davon lässt man sich die Stimmung nicht vermiesen. "In diesem Jahr sind wir mit der Besucherzahl zufrieden", erklärt Marx. "Das Wetter war nicht so toll, aber unsere Stammgäste kommen selbst mit Regenmantel und Gummistiefeln." Denn etwa das Königsfrühstück am Sonntagvormittag will man sich ja nicht entgehen lassen. "Das spendiert immer das amtierende Königspaar." Da liegt Hühnersuppe auf der Hand - oder besser im Topf. 30 Liter sind es in diesem Jahr. Die geköpften Hähne kommen da natürlich nicht rein, denn das Königsköppen steht erst Montagabend an, wenn der neue König ermittelt wird. "Die kommen dann nachher auf den Grill - wenn sie nicht zu zäh sind."

Bevor aber die Herren den Säbel für die Königswürde schwingen, wird die Oberglucke ermittelt. Sozusagen die dritte Majestät im Bunde. Monika Rohm ist es neben Königspaar Christian und Rita Schröder. Uwe Marx: "Früher wurde dafür auch geköppt. Heute losen wir." Zu wenig Frauen und zu wenig Nachwuchs. Den Säbel, mit dem ausgetragen wird, wer im nächsten Jahr für die Hühnersuppe zuständig ist, haben die Schlicker vor vier Jahren gestiftet bekommen. Denn der alte - fast 100 Jahre hatte er auf dem krummen Buckel - wurde damals bei einem Einbruch ins Vereinshaus gestohlen. "Da hatten wir auch gerade noch die ganzen Preise für das Schnurrad drin."

Hahneköppen hat eine lange Tradition im Bergischen Land und in der ganzen Region. Belege gehen bis ins 16. Jahrhundert zurück. Bei Erntefesten wurde der Hahn als Symbol des Bösen enthauptet. Nach einer anderen Theorie wollte man damit im frühen 19. Jahrhundert dem gallischen Hahn Napoleons eins auswischen. Ländlich war auch der Start in Schlicken. "Es fing mit einem Frühschoppen an und hat sich dann zu einem richtigen Fest entwickelt." Und das schon gleich nach dem Krieg, wo es doch kaum etwas zu beißen gab. "Die Bauern haben dann eben ihre Sachen mitgebracht." Eine Tradition haben die Schlicker aber aufgegeben. Den Festumzug, bei dem das Königspaar auf einem geschmückten Karren durch die Hofschaft gezogen wurde, gibt es nicht mehr. Bei nur noch 15 Mitgliedern würde das keinen großen Eindruck mehr machen. Der Karren aber wird nicht verschrottet. Uwe Marx: "Wir wollen ihn einem Heimatmuseum übergeben." Museal aber wirken die Schlicker Hahneköpper überhaupt nicht. Eine muntere Truppe. Munter auch noch nach vier Wochen Festvorbereitung und pausenlosem Einsatz an den Ständen. Schlag aff!

Quelle: RP
 
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