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Schwerpunkt Städtepartnerschaft
Wunderbare Isolation? Nicht in Blyth!

Schwerpunkt Städtepartnerschaft: Wunderbare Isolation? Nicht in Blyth!
Sie führen die beiden Freundschaftsvereine: die Gastgeber Anne und Brian Dawson (l.) mit Christa und Bernd Clemens. FOTO: Melchior Fred Lothar
Solingen. Die Schilder "Welcome to Blyth" am Ortsrand sind noch druckfrisch. 30 Solinger fühlten sich (wieder) hochwillkommen in der Partnerstadt. Von Fred Lothar Melchior

Abgesehen vom Aldi-Supermarkt an der Cowpen Road: Was ist neu in Blyth? Außer dem Hotel am Commissioner's Quay, dem ersten in der englischen Kleinstadt, und dem vor einer Woche frisch gewählten Bürgermeister eigentlich nicht viel. Die Partnerschaft mit Solingen dauert jetzt schon 55 Jahre. Und doch: Neu ist, dass sie mit jedem Jahr stärker zu werden scheint.

"It's good to be together again", begrüßte Mayor John Potts die 30-köpfige Gruppe aus der Klingenstadt, die über Hull und York angereist war. Die 16 Council-Mitglieder hatten den 68-Jährigen erst am Abend zuvor als Nachfolger von Bürgermeisterin Margaret Parker bestimmt. Sie war auf Potts Ehefrau Olga gefolgt und hatte dank Wiederwahl zwei Jahre das Ehrenamt inne.

"Von Jahr zu Jahr wird es besser", gab Bernd Clemens das Kompliment zurück. Der ehemalige Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung sitzt dem Förderverein der Städtepartnerschaft Solingen-Blyth vor. Und während sich das dicht gepackte Programm dreieinhalb Tage lang um touristische Sehenswürdigkeiten in Blyth sowie der Umgebung drehte und noch nicht vom Anschlag in Manchester überschattet war, zeigten die Gespräche bei den abendlichen Treffen, wie viel Solingen und Blyth außer den persönlichen Freundschaften verbindet.

Denn die Aufgaben sind dieselben, auch wenn Blyth (mit Bebside) nur rund 37.000 Einwohner hat. Es geht darum, die Kommunen attraktiv zu machen. Was die politische Mitsprache betrifft, ist Blyth im Vorteil: "Wir sitzen im Rat, um das Beste für die Kleinstadt zu erreichen", betont John Potts. Man sei nicht "too political". Angesichts der klaren Labour-Mehrheit im Council (es gibt nur drei liberale und ein konservatives Mitglied) fällt das wohl leichter.

Potts, auch Vorsitzender im Planungsausschuss, will vor allem den Bau von Häusern fördern. "Es gibt einen großen Mangel an bezahlbaren Mietwohnungen. Außerdem wollen wir mehr Menschen nach Blyth holen", richtet er den Blick auf die nur 30 Minuten entfernte Großstadt Newcastle. Die Wiederinbetriebnahme der Eisenbahnstrecke (auf ihr verkehren nur noch Güterzüge) würde helfen. Um den Anschluss ans Metro-System in Newcastle zu erreichen, muss man in Blyth aber noch dicke Bretter bohren. Drei bis vier Jahre werde es schon noch dauern, vermutet John Potts.

Auch der Umschwung in der Wirtschaft kam nicht von einem auf den anderen Tag. Inzwischen ist die ehemalige Kohlenstadt zum Zentrum für erneuerbare Energien geworden. Das Unternehmen Catapult etwa ist Spezialist für Offshore-Windparks. Das längste unterseeische Stromkabel der Welt soll zudem saubere Elektrizität von Norwegen ins britische Netz einspeisen. Es wird nördlich von Blyth an Land kommen. Die beiden alten Kohlekraftwerke wurden niedergelegt, machen Platz für Neuansiedlungen. Der Hafen prosperiert, der Gewinn vor Steuern lag im letzten Jahr bei fast 1,7 Millionen Euro. Potts ist sicher, dass das neue Hotel nicht nur Touristen, sondern auch viele Geschäftsreisende anziehen wird.

Auch der Einzelhandel erholt sich stellenweise, auch dank Hilfe von "Arch". Bei diesem Modell können sich die Kommunen in Northumberland Geld leihen und es nicht nur in Häuser und produzierende Unternehmen, sondern auch in Läden investieren - im benachbarten Cramlington beispielsweise in ein ganzes Einkaufszentrum. Natürlich flossen auch große Summen aus der Europäischen Union in den Norden Englands. In Blyth steckt EU-Geld im Community Center. Was Potts vom Brexit hält, ist deshalb klar: nichts. Labour habe lange für den Verbleib Englands in der Europäischen Union gekämpft. "Es gab viele falsche Informationen." Die Befürworter für den Ausstieg hätten nicht erkannt, wie komplex und schwierig die Materie sei. Von der "wunderbaren Isolation", ein Begriff vom Ende des 19. Jahrhunderts, hält man bei der Blyth/Solingen Citizen Exchange Group natürlich wenig. Ganz einfach ist es aber nicht, mehr und vor allem jüngere Menschen für die Städtepartnerschaft zu begeistern. Nur 15 Mitglieder hat die Gruppe; das Durchschnittsalter liegt um die 70. Deshalb ist es umso beachtlicher, was der kleine Kreis alle zwei Jahre auf die Beine stellt.

Seit acht Jahren sind Anne (63) und Brian Dawson (62) dabei. Vor zwei Jahren übernahm Ann den Vorsitz, Brian wurde Schatzmeister. "Es ist sehr schwierig, neue Interessenten zu finden", unterstreicht Ann Dawson. "Da gibt es unter anderem die Furcht, in Länder mit anderen Sprachen zu reisen." Eine Furcht, die Beschäftigte der in Blyth ansässigen Dräger-Filiale nicht haben dürften. Die Atemschutz-Experten aus Lübeck fertigen in Solingens Partnerstadt Druckminderer und Lungenautomaten. Mitarbeiter, die abends im Pub auf die deutsche Gruppe aufmerksam wurden, zeigten Interesse. Jan Claudius Salewski, der die Reisegruppe als einziges Ratsmitglied begleitete und ein Grußwort sprach, kommentiert: "In der Generation kann man noch einiges Potenzial heben."

Auch für den Solinger Partnerschaftsverein mit zuvor 33 Mitgliedern brachte der Besuch frischen Wind: Einige Mitreisende unterzeichneten noch im Wiedenhoff-Bus den Aufnahmeantrag. "Ich mag die englische Mentalität, war aber noch nie in Northumberland", sagt Birgit Schmidt. "Jetzt habe ich die Herzlichkeit der Menschen kennengelernt." Ihr Mann Manoucher Thomas Shareghi will sich wie Salewski im Verein engagieren. Eine Idee: ein eigener Zöppkesmarkt-Stand. Und die Stadtwerke könnten Kontakt mit den Experten für erneuerbare Energie in Blyth halten.

In Blyth haben die Politiker jetzt andere Sorgen: Am 8. Juni wird gewählt. Der Wahlkampf findet traditionell an der Haustür statt.

Quelle: RP
 
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