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Interview Tim Kurzbach Und Cornel Hüsch (diözesanrat)
Zahl der Kirchenaustritte auf Höchststand

Solingen. Leere Gottesdienste immer mehr Menschen die der katholischen Kirche den Rücken kehren: Der Chef des Diözesanrats im Erzbistum, der Solinger Tim Kurzbach, und sein Vize Cornel Hüsch fordern mehr Mitsprache für einfache Mitglieder.

Herr Hüsch, Herr Kurzbach, Sie stehen jetzt etwas länger als ein Jahr an der Spitze des Diözesanrats im Erzbistum Köln, sind also die Repräsentanten der Laien. Da können Ihnen die neuesten Zahlen über Kirchenaustritte nicht gefallen. Allein im Erzbistum Köln waren es 2014 knapp 20 000 Menschen, die der katholischen Kirche den Rücken gekehrt haben.

Tim Kurzbach Ja das sind schmerzvolle Zahlen, die uns getroffen haben. Die Entwicklung ist zwar nicht ganz neu, nur die Verschärfung stellt uns doch vor ein Rätsel. Auch Solingen haben die Zahlen bei den christlichen Kirchen eingeschlagen, alleine bei der katholischen Kirche sind 108 Menschen mehr ausgetreten als im Jahr 2013, auch wenn die absolute Zahl der Katholiken durch andere Effekte zugenommen hat. Wir müssen und werden in unseren Gemeinden weiter überlegen müssen was neben den bekannten Ursachen, wie dem Missbrauchsskandal, den steuerlichen Veränderungen und natürlich der weiterhin unbeantworteten Fragen zur Modernisierung der Rolle der Frauen noch geschehen ist. Aber die Chance für eine Veränderung ist immer da, wenn wir die Zeichen der Zeit erkennen.

Trotzdem ist die Austrittswelle eine Entwicklung, die doch gerade für das Erzbistum Köln etwas überraschen muss. Schließlich sind nicht nur Sie neu im Amt. Mit Rainer Maria Kardinal Woelki gibt es auch einen neuen, populären Erzbischof, auf den viele Katholiken nach den Jahren des konservativen Kardinals Joachim Meissner große Hoffnungen setzen.

Kurzbach Das ist schon richtig. Und durch den Kardinal, aber auch durch Papst Franziskus weht ja auch bereits ein frischer Wind durch die Kirche. Denken Sie bitte nur an so aktuelle Themen wie Flüchtlinge, Armut oder zur Sterbebegleitung, bei denen Erzbischof Woelki klare Positionen bezieht. Doch ganz allgemein gilt heute weit deutlicher als früher: Die Kirche ist viel mehr als "nur" der Bischof allein. Die katholischen Laien müssen in Zukunft mehr Verantwortung, auch in der Gesellschaft, übernehmen. Die Kirche darf nicht mehr so kleriker-fixiert sein.

Was heißt das konkret?

Cornel Hüsch Dass beispielsweise Laien verstärkt Leitungsfunktionen in der katholischen Kirche übernehmen. Und dass nicht mehr nur Männer Verantwortung übernehmen. Eine Forderung, der der neue Erzbischof auch schon Rechnung getragen hat, wie Personalentscheidungen innerhalb des Bistums zeigen.

Das sind aber zunächst einmal lediglich Veränderungen, die vielleicht Wirkungen innerhalb des "Apparats" entfalten. Nur für den Alltag ist dadurch noch nicht viel gewonnen. In vielen Regionen sind die Kirchen ebenfalls leerer als früher.

Hüsch Schon richtig. Doch gerade das zeigt ja, wie wichtig die von uns angemahnten Veränderungen sind. Wir haben uns etwa die Frage zu stellen, welche spirituellen Lebensfragen auch ohne Geistliche beantwortet werden können. Das bedeutet nicht, dass Laien Lückenbüßer sind. Sie müssen aber Arbeit und Verantwortung übernehmen.

Wobei dies zu erreichen schwer werden könnte. Oftmals drängt sich der Eindruck auf, dass die Kirche viele Menschen gar nicht mehr erreicht.

Kurzbach Ja, das gehört auch zur Wahrheit, die ausgesprochen werden muss. Es gibt zum Beispiel deutlich weniger Menschen, die noch regelmäßig die Gottesdienste besuchen. Und viele fragen schon gar nicht mehr, was die Kirche zu bestimmten Sachen sagt. In Solingen besitzen beide großen Kirchen längst nicht die breite gesellschaftliche Basis wie in anderen Regionen. Es ist für viele Menschen in Neuss, aber auch Köln kaum vorstellbar: Doch 30 Kilometer entfernt befinden sich die Christen beinahe in einer Art Diaspora-Situation.

Und wie wollen Sie diese Situation in Solingen verändern?

Kurzbach Das ist ja für die Solinger nichts Neues und trotzdem sind die christlichen Kirchen ein unbestreitbar wichtiger, tragender Bestandteil der Stadt. Kirche ist immer auf dem Weg und verändert sich, die neuen Seelsorgebereiche bei der Katholischen Kirche und die mutigen Zusammenlegungen von Standorten bei der Evangelischen Kirche beweisen ja, dass man die Zeichen der Zeit verstanden hat. Ja, wir werden nicht mehr die "so wie es immer war" Volkskirche sein, unsere Aufgabe ist vielmehr die Gestaltung der Zukunft und nicht so sehr das Trauern über die Vergangenheit.

Das alles macht aber nicht gerade Mut . . .

Kurzbach . . . und zeigt umso eindringlicher, wie wichtig es ist, dass sich die Kirche öffnet. Was wir brauchen, ist eine Zuwendung zur Welt. Wir Katholiken wissen, was in den Schulen, in den Jugendtreffs, an den Arbeitsplätzen usw. passiert. Wir müssen es nur klar in die innerkirchlichen Debatten einbringen. Das kann aber nur geschehen, wenn wir als Laien Impulse von unten geben. Und wenn wir den Mut besitzen, Experimente zu wagen. HÜSCH Genau. Kirche muss wieder als Vorbild für die Menschen erlebbar werden. Und das kann auch gelingen, wenn wir mit denen, die noch da sind, auf die anderen zugehen. Unser Ziel muss es sein, Perspektiven für die Zukunft zu entwickeln und wieder alle Milieus zu erreichen. Wie gesagt, das können wir schaffen. Nur klar ist auch: Wenn man nichts macht, ist irgendwann ein Ende in Sicht.

Anderen gelingt das anscheinend weit erfolgreicher. Leicht polemisch könnte man fast fragen: Was machen eigentlich die Muslime besser als die Katholiken?

Kurzbach Richtig oder falsch - das ist in diesem Zusammenhang nicht der Punkt. Wichtig ist vielmehr, dass sich Religionen nicht abkapseln. HÜSCH Worum es für uns Katholiken vielmehr geht, ist, unserem liebenden Gott ein Gesicht zu geben. Das ist unsere Aufgabe. Wir müssen das Bild einer Verbotskirche überwinden.

Eine Kirche wohlgemerkt, die sich im Lauf ihrer eigenen Geschichte aber selbst erst einmal verändern musste.

Hüsch Das ist klar. Es ist doch heute selbstverständlich, dass Reformation und Humanismus die moderne katholische Kirche unserer Tage geprägt haben. KURZBACH Hier sind wir an einem entscheidenden Punkt. Im Jahr 2017 feiern die Protestanten 500 Jahre Reformation. Und bei uns gibt es doch heute keinen Zweifel mehr, dass damit auch für die katholische Kirche ein epochaler Wandel einherging. Wir werden uns jedenfalls im Rahmen der Ökumene zu diesem Jubiläum miteinbringen.

Womit wir auch wieder bei der Rolle der Laien in der katholischen Kirche wären.

Kurzbach In der Tat. Wir wollen nicht mit dem erhobenen Zeigefinger daherkommen, aber wir müssen in unserer Kirche und in der Gesellschaft verdeutlichen, was wir wollen. Wir für müssen uns nicht verstecken - im Gegenteil, wir sollten den Menschen klar machen, dass es schön ist, Christ zu sein.

DAS GESPRÄCH MIT TIM KURZBACH UND CORNEL HÜSCH FÜHRTEN LUDGER BATEN UND MARTIN OBERPRILLER.

Quelle: RP
 
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