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Solingen
Zwischen Hoffnung und Enttäuschung

Solingen: Zwischen Hoffnung und Enttäuschung
Kurator Sixt Wetzler und Museumsleiterin Dr. Isabell Immel vor einem Bild der Fotografin Vanessa Ahlsborn. FOTO: Martin Kempner
Solingen. Die Macheten-Ausstellung von Vanessa Ahlsborn im Deutschen Klingenmuseum erzählt vor allem vom Leben. Von Jan Crummenerl

Der Blick ist klar und intelligent, das junge Gesicht von der Sonne gebräunt. Vor einem hellen Himmel steht der Mann mit seiner fast sichelartig gekrümmten Klinge, die sein Werkzeug auf dem Feld ist. Die großformatige Fotografie und die dazu ausgestellte Machete erzählen eine Lebensgeschichte - von Hoffnungen und Enttäuschungen. Der 21-jährige Abdul Zafir ist in Afghanistan Bauer und arbeitet mit anderen auf den Feldern. Sein Wunsch war es, die Schule abschließen zu können, um anschließend Ingenieur zu werden. Doch es kam anders. Mit zehn Jahren musste Abdul die Schule abbrechen, weil seine Familie vor den Taliban fliehen musste. Nun ist er zurück und schlägt sich buchstäblich mit seiner Machete durchs Leben.

Das Foto von Zafir stammt von der in den USA lebenden schwedischen Fotografin Vanessa Ahlsborn. Ihre Ausstellung mit 15 Bildern und den dazugehörigen Werkzeugen ist ab heute im Deutschen Klingenmuseum zu sehen: "The Machete Project" - das Macheten-Projekt. Über einen Freund kam Sixt Wetzler, Mitarbeiter des Museums und Kurator der Ausstellung, in Kontakt mit Ahlsborn, "Wie das mit Sammelleidenschaften so ist, fängt es oft zufällig an", berichtet Wetzler. Ahlsborn war 2006 in Madagaskar und wollte von dort eine Erinnerung mitnehmen. "Aber keine aus dem Souvenir-Shop." Sie sah dort einen Bauern mit seiner Machete auf dem Feld arbeiten, fotografierte und kaufte ihm die Klinge ab. "So begann eine seit Jahren fortlaufende Arbeit." Ahlsborn bereiste Afrika, Asien und Lateinamerika, sammelte Macheten und fotografierte ihre Besitzer. Wetzler: "Eine Machete hat keine repräsentative Aufgabe wie beispielsweise ein Schwert. Es geht nur um Zweck und Funktion - aber auch darum, dass sie aus gutem Stahl gearbeitet ist." Macheten sind Werkzeuge, ihre Gebrauchsspuren erzählen eben Geschichten von Menschen und ihrer Arbeit, die Ahlsborn in ihren Bildern einfängt. Die 53-jährige Witwe Daw Thaw Yin aus Myanmar harkt damit Feuerholz, das sie dann verkauft. Der junge Henshaw aus Nigeria erntet damit Ölpalmenfrüchte. Manche der Macheten werden aus gut dafür verwendbaren Autofedern geschmiedet, die man aus Wracks holt. "Bis heute ist das auch ein Beispiel für Kolonialgeschichte, die ein Spiegel der Weltpolitik ist", so der Kurator.

Der Weg in die Klingenstadt ist dabei auch nicht weit. So stellten Solinger Firmen im 19. und auch noch im 20. Jahrhundert Macheten für den Export her - besonders für Südamerika. Dort wurden sogar eigene Niederlassungen gegründet, für die die Maschinen aus Europa geholt wurden.

Als Haumesser ist die Machete erst einmal ein Werkzeug für Feld und Wald. Oder es dient zur rituellen Opferung von Tieren. Oder sie wird auch ganz simpel zum Zubereiten der Mahlzeiten benutzt - sozusagen als großes Küchenmesser. "Aber im Gegensatz zur westlichen Welt unterscheidet man in vielen anderen Ländern nicht zwischen Werkzeug und Waffe", erklärt Wetzler. So wurden etwa die meisten Massaker in Ruanda mit diesem Gerät begangen.

Quelle: RP
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