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Tönisvorst
Angekommen im Frieden

Tönisvorst: Angekommen im Frieden
Beim Medikamentenhilfswerk Action Medeor in Vorst absolvierte Samir ein einmonatiges Praktikum. Aus Sicherheitsgründen nennt er seinen Nachnamen nicht. In Kürze wird die Familie wieder zusammen sein. FOTO: WOLFGANG KAISER
Tönisvorst. Die Rheinische Post stellt in loser Folge Menschen vor, die vor Krieg, Verfolgung, Elend und Armut geflohen sind. Sie erzählen, warum sie ihre Heimat verlassen haben, welche Hoffnungen sie haben, wie sie in Deutschland leben. Von Stephanie Wickerath

Ein Jahr und vier Monate ist es her, dass Samir seine Frau und seine fünf Kinder verlassen hat. Nur mit einem Rucksack auf dem Rücken hat sich der 42-jährige Apotheker aus Syrien im August 2014 auf den Weg gemacht, um für sich und seine Familie eine neue Heimat zu finden, eine Heimat ohne Bomben, politische Willkür und staatliche Unterdrückung.

Aus Dar'a, wo Samir eine Apotheke und seine Familie ein Haus hatte, waren sie zu diesem Zeitpunkt bereits geflohen. "Es ist alles kaputt", sagt Samir, "die Geschäfte, die Häuser, alles." Er bringt Frau und Kinder ins 100 Kilometer entfernte Damaskus, wo sein Bruder ihnen eine Wohnung überlässt. Von dort bereitet er seine Flucht vor. Die wichtigsten Papiere, wie Geburtsurkunden, Zeugnisse, Führerschein, schickt er einem Freund, der in der Türkei lebt. Dann packt er seinen Rucksack mit warmer Kleidung, einer Decke, Fotos von den Kindern und der Frau, einem Kulturbeutel, einem Telefon und verabschiedet sich.

In der Türkei steigt Samir in ein Boot, das ihn gemeinsam mit etlichen anderen vor die griechische Küste schwemmt. Dort wartet ein Schlepper, der die Flüchtlinge an die albanische Grenze bringen soll. "Aber es gab Probleme mit der Polizei, wir sind viele Stunden gelaufen, bis wir über die Grenze kamen", erzählt der studierte Pharmazeut. In Albanien, wo die zehnköpfige Gruppe eine Woche lang im Wald schlafen muss, bevor es weiter geht, werden sie überfallen. Samirs Rucksack wird gestohlen. Jetzt bleibt ihm nur noch das, was er am Körper trägt.

Mittlerweile ist es November. Samir ist seit drei Monaten auf der Flucht und noch lange nicht am Ziel. Kälte, Hunger, Angst und oft auch Verzweiflung begleiten den 42-Jährigen auf seinem Weg. Über Montenegro, Serbien, Ungarn und Österreich gelingt der Syrer schließlich im Dezember 2014 nach Deutschland. Warum so weit weg von Zuhause? Warum Deutschland? "Deutschland hat in Syrien einen sehr guten Ruf", sagt Samir, "für uns ist es das beste Land Europas, wenn nicht das beste Land der Welt." Die deutsche Ingenieurskunst werde in Syrien bewundert, auch die stabile Demokratie, die starke Wirtschaft und das hohe Bildungsniveau.

Nun lebt der Familienvater seit elf Monaten in einer Wohnung für Flüchtlinge in St. Tönis. 17 Männer teilen sich das Haus. Die Zimmer sind zwischen zehn und 15 Quadratmetern groß und mit zwei, beziehungsweise drei Betten ausgestattet. Seit ein paar Wochen ist Samir anerkannter Flüchtling und darf für drei Jahre in Deutschland bleiben. Und seit ein paar Tagen haben seine Frau und die Kinder im Alter zwischen fünf und 13 Jahren ein Visum für Deutschland. "Sobald die Wohnung fertig ist, können sie kommen", sagt Samir, der von der AWG eine 85 qm-Wohnung für die siebenköpfige Familie bekommen hat.

Das Interview kann der Syrer bereits auf Deutsch führen, denn vom ersten Tag an hat er mit den Ehrenamtlern der Flüchtlingshilfe Tönisvorst die Sprache gelernt. Neben Arabisch spricht der Apotheker Englisch und Russisch. So konnte er bereits ein einmonatiges Praktikum beim Medikamentenhilfswerk Action Medeor absolvieren. Jetzt besucht Samir den offiziellen Integrationskursus. "Ich muss sehr gut deutsch sprechen und lesen können, damit ich die Menschen in der Apotheke beraten kann." Denn in seinem Beruf arbeiten, das möchte der Pharmazeut so schnell wie möglich wieder. "Ich will meine Familie selber ernähren und Deutschland etwas zurückgeben." Und dann sagt er noch dies: "Ich möchte mich von Herzen bei den Deutschen bedanken, die uns willkommen geheißen haben, während unsere arabischen Brüder ihre Länder vor unserer Not verschlossen haben."

Quelle: RP
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