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Tönisvorst
Auf der Wache am ganzen Körper geschlagen

Tönisvorst. Die Rheinische Post stellt in loser Folge Menschen aus Tönisvorst vor, die vor Krieg, Verfolgung, Elend und Armut geflohen sind. Sie erzählen, warum sie ihre Heimat verlassen haben und welche Hoffnungen sie haben. Von Stephanie Wickerath

Für Elein, der seinen Nachnamen aus Angst vor Verfolgung nicht nennen möchte, gibt es kein Zurück. Der 39-Jährige musste seine Heimat verlassen, weil er als Journalist Veruntreuungen der Präsidentenfamilie aufdeckte. Elein kommt aus Aserbaidschan. Das Land am Kaspischen Meer, das von Russland, Georgien, Armenien und dem Iran umgeben ist, hat auf der Rangliste der Pressefreiheit den Platz 163 von 180. Was das bedeutet, hat Elein am eigenen Leib erfahren: Für seine kritischen Beiträge ist er bedroht, verprügelt und eingesperrt worden. Seit drei Monaten lebt er mit seiner Familie in der Flüchtlingsunterkunft an der Industriestraße.

Eigentlich hat der Aserbaidschaner aus Baku, der Hauptstadt des Landes, die Hochschule für Diplomatie besucht. Weil er in diesem Bereich keine Arbeit findet, gründet er ein kleines Unternehmen. Über einen Freund lernt er einen Redakteur der kritischen Zeitung "Asadlyk" kennen. Trotz Repressalien gründet der Redakteur 2012 den Online-Fernsehsender "Azerbaycan saati". Elein, der mittlerweile mehrere Geschäfte und einen Großhandel hat, steigt als technischer Koordinator ein. "Mir gefiel, wie die Leute von dem Sender sich für die Demokratie in Aserbaidschan einsetzten", sagt der 39-Jährige.

Als Geschäftsmann, der häufig im Ausland ist, ist Elein immer wieder mit der Dreistigkeit und Korruptheit der Grenzbeamten konfrontiert. "Ich wollte dazu beitragen, dass sich etwas ändern in Aserbaidschan, deshalb habe ich das Angebot angenommen und ehrenamtlich beim Sender gearbeitet." Immer wieder nimmt er Beschwerden von Bürgern auf und schickt die Filme zum Sender. "Im Sommer 2013 waren dann zum ersten mal vier Unbekannte in meinem Geschäft", erzählt der Aserbaidschaner. Die Männer fragen nach den Mitarbeitern des Senders und drohen damit, Drogen in seinem Auto zu deponieren und ihn anzuzeigen. Elein merkt von diesem Tag an, dass er beschattet wird. Trotzdem arbeitet er weiter als Journalist und unterstützt die oppositionelle Partei, indem er Flugblätter für eine Demo verteilt.

Auch als andere Journalisten verhaftet und zusammengeschlagen werden, macht Elein weiter. "Im März 2015 bekam ich den Auftrag, im olympischen Dorf, das für die ersten Europäischen Spiele gebaut wurde, die im Sommer in Baku stattfinden sollten, zu filmen", erzählt der Flüchtling. Er fand heraus, dass die Familie des Präsidenten plante, die Häuser, die mit Steuergeld gebaut worden waren, für mehr als 400.000 Euro an ausländischen Investoren zu verkaufen und das Geld in ihre Privatschatulle fließen zu lassen.

Als die Dokumentation ausgestrahlt wird, bekommt Elein Drohanrufe, weil er die Familie des Präsidenten verleumdet habe. Auch in Russland wird die Dokumentation gesendet. Daraufhin wird Elein zusammengeschlagen und wacht mit einem Sack über dem Kopf im Keller des Polizeigebäudes von Baku auf. "Ich wurde am ganzen Körper geschlagen", erzählt Elein. "Die Polizisten sagten, ich würde wegen Weitergabe geheimer Informationen ins Ausland und Verrat an der Regierung verurteilt." Tagelang wird der Journalist geschlagen und verhört. Weil er nicht kooperiert und keine Namen nennt, schlagen die Männer ihn krankenhausreif. "Als ich im Krankenhaus aufwachte, hat der Arzt mich rausgeworfen. Auch andere Krankenhäuser haben meine Behandlung verweigert", erzählt der 39-Jährige.

Als im Februar 2016 das Strafverfahren gegen ihn eingeleitet wird, beschließt Elein, das Land mit seiner Frau und den beiden Kindern zu verlassen. "Aber ich hatte eine Ausreisebegrenzung und kam nicht raus." Während seine Frau und die Kinder ein Touristenvisum bekommen, muss Elein viel Geld zahlen, um sich aus dem Land schmuggeln zu lassen. "Wir waren dann in Russland bei Verwandten meiner Frau, aber auch da waren wir nicht sicher." Also fährt die Familie weiter in die Ukraine und reist von dort nach Deutschland - das Elein wegen seiner Demokratie und seiner Pressefreiheit bewundert und dessen Sprache er jetzt lernen will, um noch einmal von vorne anzufangen.

Quelle: RP